Wie eine ehemalige Synagoge wieder zu einem Ort der Erinnerung und des interreligiösen Austauschs wird

pm-img
Landrat Thorsten Stolz (links) informierte sich bei Dr. Peter Büttner, Vorsitzender des Vereins Freund der Synagoge in Schlüchtern, über das Synagogen-Projekt in Schlüchtern.

11. März 2026 - Über ein ganz besonderes Projekt im Herzen von Schlüchtern informierte sich Landrat Thorsten Stolz bei einem Besuch in der Bergwinkelstadt: Die Restaurierung der 1898 erbauten ehemaligen Synagoge, die zu einem besonderen Ort des Gedenkens, des kulturellen und religiösen Austauschs und der Bildung werden soll. Dr. Peter Büttner, Vorsitzender des „Vereins der Freunde der Synagoge Schlüchtern“ gab dem Landrat einen Überblick, wie es dem Verein gelungen ist, Fördergelder einzuholen und wie die Synagoge als Ort der Begegnung und der Forschung mit Leben gefüllt werden soll. Die Gesamtkosten liegen bei 7,5 Millionen Euro.

„Der Verein wird von zahlreichen Menschen unterstützt, die von dem Projekt überzeugt sind. Die Stadt Schlüchtern und Bürgermeister Matthias Möller haben unser Anliegen von Anfang an unterstützt und durch den Kauf der Synagoge und des benachbarten Rabbinerhauses überhaupt erst möglich gemacht“, erläuterte der Vorsitzende. Gegründet wurde der Verein 2021, er hat heute 80 Mitglieder und ist Erbbaupächter für das Areal mit den beiden geschichtsträchtigen Gebäuden. Neben Dr. Peter Büttner steht auch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Hans Konrad Neuroth ein engagierter Mitstreiter an der Spitze des Vereins.

„Das Konzept, das der Verein erarbeitet hat, ist anspruchsvoll und deckt ganz unterschiedliche Ansprüche an die Nutzung eines solch geschichtsträchtigen Ortes ab. Ich bin schon sehr gespannt, wie die Synagoge nach der Restaurierung und der Rekonstruktion wichtiger Elemente eines jüdischen Gotteshauses aussehen wird. Hier entsteht ein Leuchtturm für Bildung, Geschichte, Kultur und Demokratie“, sagte Landrat Thorsten Stolz.

Die Synagoge – eine der wenigen überhaupt noch so gut erhaltenen Synagogen in Deutschland – soll nach der Fertigstellung der Arbeiten sichtbare „Zeitschichten“ haben. Dieses Konzept stammt von den international renommierten Architekturprofessoren Michel Müller, Nikolaus Hirsch und Martin Seelinger, die damit die „Lebensphasen“ der Synagoge zeigen wollen. Sprich: Die Spuren der Zerstörung während der Nazidiktatur und der Kriegszeit und auch in den Jahren danach werden so aufgearbeitet, dass sie sichtbar bleiben. Das Gebäude wurde während der Reichspogromnacht im November 1938 beschädigt und geplündert, das Gebäude blieb jedoch erhalten. Die in dieser Zeit entstandenen Löcher und „Wunden“ in der Gebäudeaußenwand werden mit Implantaten aus Edelstahl aufgefüllt. Abgerissene Türmchen im Dachbereich werden durch nackte Stahlkonstruktionen nachgebildet. Das Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Ort für eine industrielle Textilproduktion genutzt und viel später als Kinosaal. Die einst kunstvollen Wandmalereien in den Innenräumen sind seit vielen Jahrzehnten weiß übertüncht und der kuppelartige, hohe Bau war durch eine Zwischendecke geteilt. „Diese Zwischendecke ist mittlerweile entfernt worden, so dass man wieder den Blick von oben nach unten hat“, erklärte Dr. Peter Büttner. Das Motto des Synagogen-Projekts lautet „Besinnen, Bewahren und Beleben“ – deshalb soll die Synagoge nicht einfach ein Museum sein, sondern ein Ort des Austauschs und der Begegnung, aber auch der Forschung und der Kultur. Bei alledem sei es dem Verein stets wichtig gewesen, die Synagoge im Sinne jüdischer Traditionen zu behandeln. Das Projekt erfahre nicht nur Zustimmung auf regionaler Ebene, sondern auch überregional. Zu Gast in Schlüchtern war auch Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, der das Projekt und die Arbeit des Vereins sehr lobte. „Es ist uns sehr wichtig, dass wir uns bei der Restaurierung und allen damit einhergehenden Fragen an Menschen wenden können, die mit jüdischem Glauben und Traditionen bestens vertraut sind“, unterstreicht Dr. Peter Büttner. Daher soll der für die Restaurierungsphase ins Leben gerufene Beirat, in dem sich Fachleute engagieren, auch noch darüber hinaus beratend tätig sein. Gefördert wird das Projekt von Bund und Land, der Stadt Schlüchtern sowie der Alfred-Landecker-Stiftung. Auch über Spendenaufrufe ist es gelungen, das Interesse am Projekt zu wecken und zusätzliche private Spenden zu generieren.

Folgende Aktivitäten und Angebote sind bisher vorgesehen: Im Bereich Kultur sind musikalische Veranstaltungen, Ausstellungen, literarische Veranstaltungen und darstellende Kunst vorgesehen. Im Bereich Interreligiosität sind Veranstaltungen mit Vertretern unterschiedlicher Religionen geplant, es soll über Feste, Rituale und Glaubenskonzepte gesprochen werden. Im politischen Bereich geht es um Themen wie die Reichspogromnacht und Veranstaltungen zum Thema „neuer und alter Antisemitismus“. Es soll aber auch um Bildung gehen, die Aufarbeitung der Geschichte der Juden in Schlüchtern. Hier sind Veranstaltungen mit Schulen geplant und auch historische und wissenschaftliche Forschung durch Studenten und Schüler. Schulen sollen die Möglichkeit haben, direkt vor Ort Unterricht abzuhalten. Geplant ist die Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen und vergleichbaren Einrichtungen wie etwa das Fritz-Bauer-Institut. Allgemein sollen dort Veranstaltungen stattfinden, die sich mit der Historie des Gebäudes und der Schlüchterner christlich-jüdischen Gemeinschaft beschäftigen. Daher sind Dauerausstellungen zur Geschichte der Synagoge und jüdischen Lebens in Schlüchtern angedacht. Die Bauarbeiten sollen im Sommer 2026 losgehen, erste Veranstaltungen sollen im ersten Quartal 2028 stattfinden.

„Ich wünsche dem Projekt weiterhin gutes Gelingen. Der Vereinsvorstand hat das Projekt mit großem Engagement, viel Herzblut, Sachkenntnis und Geduld vorangetrieben und besitzt darüber hinaus sehr gute Kontakte. Ich bin sicher, dass das Projekt unter diesen guten Vorzeichen zu einem großen Erfolg werden wird. Ein solches Projekt, das nicht nur den Blick auf die Vergangenheit schärft, sondern auch auf die Gegenwart, ist für die Menschen in der Region, aber auch weit darüber hinaus von großer Bedeutung. Insbesondere junge Leute werden diesen Ort zu schätzen wissen“, zeigte sich Landrat Thorsten Stolz überzeugt.