Ist es ein Fall für den Notarzt oder den Hausarzt? / SaN-Projekt koordiniert Anrufe
24. September 2026 - Wie kann es gelingen, Patientinnen und Patienten, die sich über die Notrufnummer „112“ oder die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) „116 117“ melden, gezielter der richtigen Versorgungsebene zuzuordnen und damit letztendlich einer Überlastung der Notaufnahmen entgegenzuwirken? Hierauf gibt das deutschlandweit einzigartige Modellprojekt „SaN“ eine Antwort, das aktuell in Hessen läuft. Dabei steht SaN für „Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung“. Erprobt wird es aktuell im Main-Kinzig-Kreis ebenso wie in den beiden Landkreisen Main-Taunus und Gießen – in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Wesentliche Grundpfeiler des Projekts sind eine digitale Schnittstelle zwischen den Integrierten Leitstellen und dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst sowie die Zusammenarbeit mit Partnerpraxen. „Der Main-Kinzig-Kreis ist gerade im rettungsdienstlichen Bereich Vorreiter, wenn es darum geht, digitale Prozesse einzuführen und damit Zeit und Ressourcen sinnvoller einzusetzen. Wir haben das Glück, ein Team zu haben, das sehr vorausschauend und engagiert wichtige digitale Prozesse anstößt und umsetzt“, so Landrat Thorsten Stolz.
„Ziel des SaN-Projekts ist es, Patientinnen und Patienten gezielter der richtigen Versorgungsebene zuzuordnen. Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben, können selbst nicht immer gut einschätzen, ob es sich um einen wirklichen Notfall handelt oder ob sie besser in einer hausärztlichen Praxis aufgehoben wären oder andersherum. Genau hier setzt das SaN-Projekt an“, erläutert Dr. Wolfgang Lenz, Leiter des Amtes für Gesundheit und Gefahrenabwehr des Main-Kinzig-Kreises. Im Fokus stehen die Entlastung von Rettungsdienst und Notaufnahmen sowie eine sichere ambulante Anschlussversorgung. „Das ist ein wichtiger Aspekt, denn wir wollen nicht nur die echten Notfälle schnell versorgt wissen, sondern auch Patienten und Patientinnen, die zwar kein Fall für die Notaufnahme sind, aber dennoch ärztliche Unterstützung benötigen“, so Dr. Manuel Wilhelm, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst. Diese erhalten dann eine Rückmeldung seitens des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes und werden an die für sie richtige Stelle weitergeleitet.
Ein wichtiger Baustein neben den digitalen Schnittstellen ist der Aufbau geeigneter Partnerpraxen, die zusätzlich zu den derzeit vier ÄBD-Zentralen im Main-Kinzig-Kreis als Anlaufpunkte für ambulante Patientinnen und Patienten dienen. Im Main-Kinzig-Kreis nehmen inzwischen zwölf Partnerpraxen mit unterschiedlichen Fachrichtungen am Projekt teil. „Hier ist es natürlich sinnvoll, dass wir in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung die Anzahl der Partnerpraxen nach Abschluss des Pilotprojekts deutlich erhöhen“, erklärt Dr. Wolfgang Lenz.
Die teilnehmenden Praxen sind über das webbasierte Informations- und Kommunikationssystem IVENA angebunden, das Patientenzuweisungen zwischen Rettungsdienst, Krankenhäusern und Leitstellen koordiniert. Das bedeutet, sie können Anmeldungen aus Rettungsdienst oder Leitstelle entgegennehmen. Voraussetzung dafür ist eine Schulung und die Verfügbarkeit der Praxis. „Im Augenblick geht es noch nicht darum, die vorhandenen Systeme größtmöglich zu nutzen, sondern wir prüfen zunächst die Schnittstellen: Funktioniert die automatische digitale Weitergabe der eingegebenen Patientendaten einwandfrei? Das war bislang zeitaufwändiger, weil ein Patient seine Daten und seine Symptome gegebenenfalls zweimal schildern musste, entweder beim Notruf oder bei der ÄBD-Nummer oder umgekehrt. Das entfällt dank der neuen digitalen Schnittstelle, die Patienten bekommen davon dann im Idealfall gar nichts mit, aber die Abläufe werden beschleunigt und durch die strukturierte Abfrage können wir sicherstellen, dass alle wichtigen Informationen direkt im System erfasst und weitergeleitet werden können“, stellt Manuel Hack, Ausbildungsleiter in der Integrierten Leitstelle fest. Er hat die Einbindung der neuen Schnittstellensoftware in das bestehende System koordiniert und damit die Grundlage für die Teilnahme aller Pilotkreise am Projekt geschaffen.
Das Grundprinzip des SAN-Projekt folgt folgenden drei Zielen. Erkennen: Das heißt, Fälle, die ambulant versorgt werden können, werden durch eine strukturierte Abfrage identifiziert – nicht erst in der Notaufnahme, sondern bereits im Leitstellen- oder Rettungsdienstkontext. Übergeben: Patienteninformationen werden sicher an die passende Versorgungsstruktur übermittelt, etwa an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, eine Partnerpraxis oder andere geeignete Stellen. Steuern: Die Versorgung erfolgt dort, wo sie am besten geleistet werden kann, so können Rettungsmittel und Klinikressourcen für echte Notfälle freigehalten werden.
„Es ist zwar noch zu früh für eine Auswertung und Bilanz, da das Projekt in drei Landkreisen läuft und die Daten erst gegen Jahresende ausgewertet werden können. Wir sind aber schon jetzt überzeugt, dass dieses Projekt ein wichtiger Schritt in der Verbesserung der ärztlichen Versorgung ist und wir damit die Qualität im rettungsdienstlichen Bereich, aber auch in der ambulanten Versorgung deutlich steigern können“, erklärt Dr. Manuel Wilhelm.
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