Hochwasserschutz: Stauflächen gegen Überschwemmungen

Schon der Name des Main-Kinzig-Kreises weist auf zwei große Flüsse innerhalb seiner Grenzen hin. Diese werden gespeist aus einer Reihe weiterer Bäche und Flüsse aus der Wetterau, dem Vogelsberg, dem Spessart und der Vorrhön. Kommen unglücklich viele Faktoren zusammen, fließt der Kinzig – und damit weiter westlich auch dem Main – mehr Wasser zu, als die Flussläufe führen können.

Neben dem Stausee in Ahl plant der Kreis daher weitere Rückhaltebecken zu errichten, um einem etwaigen Hochwasser in Zukunft die Spitze zu nehmen. Um die Genehmigung hat sich allerdings in den vergangenen Jahren ein Streit entspannt.

Bereits im Sommer 2010 hat der Main-Kinzig-Kreis gemeinsam mit der Stadt Frankfurt als Mitglied im Wasserverband Kinzig konkrete Maßnahmen zum Hochwasserschutz auf den Weg gebracht. Ein daran anschließendes Konzept der so genannten trockenen Rückhaltebecken kombiniert die Ziele der Anrainerkommunen mit dem Machbaren auf ideale Weise.

Ein Becken soll an der Salz entstehen. Mit einer maximalen Dammhöhe von neun Metern und einer Ausdehnung von rund 320 Metern soll es ein Stauvolumen von 625.000 Kubikmetern Wasser bieten. Allein mit diesem Becken würde nach Berechnungen der Planer der Pegel der Kinzig bei einem Hochwasser in der Kurstadt Bad Soden-Salmünster um 116 Zentimeter, in Gelnhausen um 10 Zentimeter und in Hanau um 5 Zentimeter sinken. Die Bauzeit beträgt etwa 20 Monate.

Mit einem zweiten Becken in Weiler an der Bracht würde der Effekt des niedrigeren Pegels noch einmal deutlich verstärkt: In Gelnhausen könnte der Pegel um 24 Zentimeter niedriger ausfallen und in Hanau um 15 Zentimeter. Denn dieses zweite Projekt würde rund eine Million Kubikmeter Wasser aufnehmen. Der dafür geplante Damm hat eine Länge von etwa 420 Metern.

Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie hat im Jahr 2014 in einem Gutachten für die Pläne an der Salz in Bad Soden „eine hohe Rutschgefahr für den betroffenen Hang“ thematisiert. Die über den Main-Kinzig-Kreis beauftragten Fachleute kommen jedoch zu dem Schluss, dass die Erde in diesem Bereich „nach allen Berechnungen und Beobachtungen zur Ruhe gekommen ist“.

Der Kreis hat bereits Lösungsvorschläge unterbreitet, wie der Bau trotz unterschiedlicher Gutachter-Ergebnisse doch wieder voranschreiten kann und sich damit auf das Regierungspräsidium zubewegt. Die Genehmigungsphase soll bereits beginnen, auch wenn der Ausgang noch offen ist und im Falle eines Scheiterns der Landkreis die Planungskosten alleine übernehmen müsste. Zudem würden in der Planung zusätzliche Überwachungs- und Sicherungsmaßnahmen für die Randbereiche des Beckens vorgesehen.

Landrat Erich Pipa

Landrat Erich Pipa hat im März 2017 in einem Zeitungsinterview zu den Hochwasserschutzplänen Stellung bezogen. Die Pläne liegen vor, das Projekt erhält breite Zustimmung aus Politik und Bevölkerung. Doch die Genehmigung zieht sich hin.

Herr Pipa, wieso stockt das Bauprojekt im Moment?

Erich Pipa: „Dass der Bau im Moment stockt, ist eine nette Untertreibung. Schon seit Jahren dringen wir im Main-Kinzig-Kreis darauf, dass wir endlich den Hochwasserschutz verbessern. Es liegt nicht an uns. Wir haben einen Plan vorgelegt, der von Gutachtern auch befürwortet wird. Nur nicht von den Herren und Damen des Umweltministeriums. Von dort brauchen wir aber grünes Licht und eine Genehmigung.“

Wie muss man sich diese Becken genau vorstellen?

Pipa: „Es handelt sich um grüne Becken. Das heißt, dass so ein Becken je nach Jahreszeit mal mit Wasser gefüllt sein wird, wenn es seinen Dienst tut. Nämlich dann, wenn es die Niederschläge staut und den Pegel an Kinzig und Main entscheidend senkt. Zu anderen Zeiten im Jahr, zum Beispiel im Sommer, wird es leer laufen. Dann wird man vor allem grüne Hügel sehen. Denn die Seitenränder des Beckens sind wieder als Gras- und Wiesenflächen vorgesehen. Für die Haushalte im Main-Kinzig-Kreis ist es die umweltfreundlichste Form der Existenzsicherung.“

Das letzte extreme Hochwasser liegt schon 14 Jahre zurück. Das Kinzigtal scheint also nicht so arg bedroht zu sein wie andere Flusstäler.

Pipa: „Wir sind tatsächlich längere Zeit von einem extremen Hochwasser verschont geblieben. In den vergangenen Jahren lagen die Pegel in unserem Kreisgebiet selten mal über der Meldestufe 2, in diesem Winter bis auf sehr kurze Ausnahmen nicht mal über der ersten Meldestufe. Das kann man zu einem großen Teil auf das zurückführen, was in den letzten Jahren im Bereich der Hochwasserprävention schon unternommen worden ist, zum Beispiel die Renaturierung der Altarme. Wir haben uns auch im Bereich des überörtlichen Katastrophenschutzes stärker aufgestellt. Aber in vielen Fällen hatten wir auch einfach nur Glück.“

Nur Glück?

Pipa: „Ja. Ich will jetzt gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen. Nur zwei Beispiele. Im Juni 2013 ging ein kräftiges Regenband über Ostdeutschland nieder. 200 Liter Regen binnen weniger Tage, Hochwasser in großen Städten, darunter die schon so oft gepeinigte Stadt Grimma. Den Main-Kinzig-Kreis trafen damals nur Ausläufer. Oder im vergangenen Jahr, im Mai und Juni, auch da streiften die Starkregenereignisse unsere Region nur, während Kreise am Inn und am Neckar absoffen.“

Was hat der Main-Kinzig-Kreis aus dem Hochwasser im Jahr 2003 gelernt?

Pipa: „Wer damals persönlich in Niederschmidten, in Roth, in Dörnigheim und anderswo war, der hat Eindrücke bekommen, die einen nicht mehr loslassen. Bilder von weinenden Männern, von verzweifelten Kindern, von Helfern, die bis zum Äußersten erschöpft waren. Was einmal kaputt und fort ist, baut man nicht so schnell wieder auf. Manches ist für immer weg, bis hin zu dem Gefühl, in den eigenen vier Wänden nicht sicher zu sein. Was ich aus 2003 gelernt habe? Ganz einfach: Aus dem Kampf gegen Hochwasser muss ein konsequenter Kampf vor dem Hochwasser werden. Und bei allen Maßnahmen senkt man Pegel am wirkungsvollsten, wenn weniger Wasser in die Flussläufe fließt. Genau das ist der Kern unseres Projekts.“

Und das sieht man in Wiesbaden anders?

Pipa: „Nein, und das ist ja das, was ich nicht verstehe. Vor einigen Tagen hatten wir eine öffentliche Veranstaltung in Bad Soden-Salmünster zu dem Thema. Wieder einmal habe ich von Vertretern des Hessischen Umweltministeriums zu hören bekommen, dass das Land Hessen ausdrücklich mehr Hochwasserschutz befürwortet. Prima, kann ich da nur sagen! Liebe Umweltministerin Priska Hinz, lassen Sie den Worten Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Taten folgen. Wenn wir uns alle einig sind, dass so ein Rückhaltebecken notwendig ist, dann sollten wir auch gemeinsam Verantwortung übernehmen und dafür kämpfen, dass es umgesetzt wird.“

Welche Mittel hätte denn der Kreis noch, um den Prozess voranzutreiben?

Pipa: „Meine Vorschläge liegen auf dem Tisch. Wir können parallel arbeiten, in der Planung weiter voranschreiten und gleichzeitig in der Genehmigungsphase die nächsten Schritte einleiten. Das geht und würde wertvolle Zeit sparen. Das Ministerium selbst hätte Möglichkeiten, den Prozess zu beschleunigen. Frau Hinz müsste einfach gezielt nach Lösungen für die Punkte suchen lassen, die in ihren Augen noch problematisch sind. Sie muss Farbe bekennen und eine Richtung vorgeben. Wenn das alles nicht hilft, haben die Bürgerinnen und Bürger noch die Möglichkeit, ihrer Meinung kräftig Ausdruck zu verleihen. Den Willen dazu haben einige, das habe ich schon bei unserer Auftaktveranstaltung zu dem Bauprojekt gehört. Gut möglich, dass sie daraus eine größere Initiative starten, wenn sich auch weiterhin nichts tut.“

Landrat Thorsten Stolz will den Druck auf die Landesregierung erhöhen, die Hochwasser-Rückhaltebecken schneller zu realisieren und sich nicht im planerischen Kleinklein zu verlieren. „Für Sicherheit kann nur ein effizienter Hochwasserschutz sorgen“, erklärt er. Daher appelliert er an das Regierungspräsidium sowie die zuständigen Landesbehörden, die Planungen des Main-Kinzig-Kreises zügig zu genehmigen. Mit Blick auf die möglichen Folgen dürfe keine weitere Zeit ungenutzt verstreichen. Wie Stolz betont, werde er als neuer Landrat ebenfalls keine Verantwortung für die zeitlichen Verzögerungen übernehmen.

Stolz erkennt in den öfter auftretenden, heftigen Regenfällen eine ebenso steigende Gefahr für Flussanrainergebiete wie an Main und Kinzig. Wissenschaftler beim Potsdam Institut für Klimafolgenforschung zeigten in einer statistischen Analyse, dass die Häufigkeit dieser Extrem-Niederschläge ab 1980 stark zugenommen habe. „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir auch künftig von solchen Szenarien verschont bleiben“, sagt Landrat Stolz.

Die Planungen der notwendigen Becken in Bad Soden-Salmünster und Weilers kommen indes nur langsam voran, wie er gemeinsam mit dem Wasserverband Kinzig feststellen musste. Das Becken Bad Soden-Salmünster, das auf Grund unterschiedlicher Expertenmeinungen in die öffentliche Diskussion geriet, wird nach den Vorgaben des Regierungspräsidiums und des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) einem Sondermessprogramm mit zweijähriger Laufzeit unterworfen.

„Wie angekündigt werden wir diese zeitliche Verzögerung kompensieren, indem wir die Planungen mit Ziel einer baldigen Baugenehmigung parallel weiter vorantreiben“, kündigt Stolz an. Der Aufsichtsrat hatte dieses Verfahren bereits beschlossen.

Für das Becken in Wächtersbach-Weilers sind die Grundlagenermittlung und die Vorplanung abgeschlossen und es läuft nach dem „Go“ des Regierungspräsidiums aktuell die EU-weite Ausschreibung der Planungsleistungen. Das voraussichtliche Ziel ist ein Baubeginn 2023. Bis dahin bleibe im Ernstfall die Kinzigtalsperre als größtes Hochwasserschutzbauwerk der Region mit modernster Technik und gut geschulten Personal „das einzige wirksame Gegenmittel“.