Unternehmen blühen auf - Beispiele aus der Praxis

Aus den zunächst noch unscheinbaren Pflanzinseln wird sich ein Meer an Wildblumen entwickeln – zur Freude von Wildbiene, Schmetterling & Co.

Vor rund einem Jahr starteten bereits die Vorbereitungen zu einem naturnahen Bepflanzungsprojekt der Superlative rund um die CI-Factory von Engelbert Strauss am Distelrasen in Schlüchtern: zehntausende Wildstauden wurde dann im Herbst 2019 in die Erde gebracht. Nun beginnt bereits die erste Blütezeit.

Insgesamt waren es 15.000 Wildstauden auf 16 Paletten mit jeweils 40 Kisten voller heimischen Pflanzen und die unglaubliche Anzahl von 25.000 Blumenzwiebeln: mitten im Gewühl der Schlüchterner Großbaustelle wirken die Pflanzflächen nun wie Inseln, in denen jahreszeitbedingt die künftige Pflanzenfülle erst zu erahnen sind, während die Sträucher durch einen Wald an Pflanzstäben markiert sind. „Ich bin beeindruckt, wie hier die ganz großen Schritte im Dienste der Artenvielfalt gegangen wurden“, zeigt sich die Erste Kreisbeigeordnete und Umweltdezernentin des Main-Kinzig-Kreises Susanne Simmler begeistert. „Mit dieser Anpflanzung hat Engelbert Strauss ein weithin sichtbares Vorbild geschaffen, wie gerade Unternehmen den Insekten und Kleintieren wieder eine Heimat geben können.“

Von der Zwischenlagerung der Großmengen an Wildstauden, Zwiebeln und Sträuchern über die Flächenvorbereitung - bis hin zu den Vorrichtungen für die spätere Bewässerung war es eine logistische Meisterleistung, all dies in den voluminösen Baustellenablauf einzufügen. Mitte Oktober konnte dann die Pflanzzeit auf der Baustelle beginnen. Gemeinsam mit zehn Gärtnerinnen und Gärtnern der Firma Eversmann unter der Bauleitung von Dorothee Dernbach, Expertin für naturnahe Grünplanung aus Büdingen, fanden die 40.000 Pflanzen ihren neuen Standort.

Wie der Bauherrenvertreter Matthias Fischer betont, sei die termingetreue Herstellung der Bepflanzung ein wichtiges Anliegen gewesen. Fachplanerin Dorothee Dernbach bedankte sich für die gute Zusammenarbeit in allen Fragen der Abwicklung. Abgestimmt auf das Corporate Design von Engelbert Strauss wird der Parkplatz künftig von einem Blütenmeer im Farbklang rot-weiß eingerahmt. Gleichzeitig entsteht neuer Lebensraum für Biene, Hummel und Co. Eine Mittelstrauchhecke aus heimischen Gehölzen bildet den Hintergrund, soll lange Jahre ohne Schnitt auskommen und so Vögeln, Insekten und Kleinsäugern ein Zuhause bieten. Neben geläufigen Sträuchern wie Liguster und Berberitze kamen seltenere Wildstraucharten wie Rosmarinweide, Blasenstrauch und Zimtrose zum Einsatz.

Zusätzlich zur XXL-Pflanzung heimischer Wildstauden wurden auch viele Tausend Quadratmeter eingesät. Neben differenzierten Einzelsaaten gibt es auch den Schmetterlings- und Wildbienensaum auf den Böschungen, Wildblumenwiesen aus regionalem Saatgut, Feuchtpflanzen am Kautzer Wasser und bunte ein- und zweijährige Arten. Daneben sind Baumreihen und eine großwüchsige Wildstrauchhecke geplant.

Seit 2015 wird die Initiative „Main-Kinzig blüht“ in Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband Main-Kinzig sowie dem BUND konsequent vorangetrieben. Im Auftrag des Main-Kinzig-Kreises sind Fachplanerinnen eingebunden, die Städte, Gemeinden und Unternehmen im „Wildblumendenken“ schulen. Eine Pflegeumstellung und das Einbringen regionalen Saatguts Grundlage einer naturnahen Freiflächenplanung. Je nach Standort werden auch Staudenmischpflanzungen oder insektenfreundliche Gehölze empfohlen. Hürden für Unternehmen, eine Förderung des Kreises zu erhalten, sind denkbar niedrig: ein Erstkontakttermin und eine Selbstverpflichtungserklärung zur 5-jährigen Pflege der Flächen sind die einzigen Bedingungen.

Umweltplanerin Dorothee Dernbach (links) im Herbst bei der Übergabe des »Main-Kinzig blüht-Schildes« mit Geschäftsführerin Sabine Schrecke und Firmenhund Ben vor der künftigen Hecke.

Die Firma RBS Förderanlagen GmbH in Gelnhausen-Roth hat im vergangenen Herbst eine Hecke aus heimischen Wildsträuchern gepflanzt. Fast 30 Einzelpflanzen grenzen das Unternehmensgrundstück zur Nachbarfläche ab. Die künftige bis zu drei Meter hohe winterharte Hecke wird reichlich neuen Lebensraum für Insekten und Vögel bieten. Neben Arten, die fast jeder kennt wie Liguster, Schneeball und Bauernjasmin, wurden nördlich der Produktionshalle auch seltenere Wildstraucharten gepflanzt.

„Erstaunlich, was man in einer Schattenlage alles zum Blühen bringen kann“, freut sich Geschäftsführerin Sabine Schrecke. Im Frühjahr startete nun die Saison mit dem rosablühenden Seidelbast, gefolgt von den hellgelben Blüten der schwarzen Heckenkirsche. Im Sommer sind die gelben Schmetterlingsblüten der Strauchkronwicke, die Wildrosen und das Mannsblut am Blühen. Der Herbst bringt bunte Hagebutten und andere Früchte in die Hecke und vor allem die späte Blüte des Strauchefeus lockt eine Wolke an Insekten an.

Geschäftsführerin Sabine Schrecke betont, dass sie sich sehr gerne an dem vom Main-Kinzig-Kreis unterstützten Programm „Unternehmen blühen auf“ beteiligen. „Das auf uns zugeschnittene Pflanz- und Pflegekonzept wertet unser Gelände sichtbar auf. Dass wir mit relativ einfachen Maßnahmen dem dramatischen Insektensterben entgegenwirken können, macht gleichermaßen Spaß und Sinn“, erläutert sie.

Zusätzlich sollen hinter der Produktionshalle noch 320 Quadratmeter vom Scherrasen zur Blumenwiese aufgewertet werden. In unmittelbarer Nähe zum Spazierweg an den Kinzigwiesen werden dafür Streifen in die Rasenfläche gefräst und anschließend hochwertige Wildblumen aus so genanntem Regiosaatgut eingesät, die sich im Laufe der Jahre in die Rasenfläche ausbreiten. Regiosaatgut enthält Blumensamen, die aus dem Naturraum gesammelt und getrennt vermehrt werden. So passt die neue Blumenwiese zu den Tieren und besonders Insekten der Region wie ein Schlüssel zum Schloss, wie Fachplanerin Dorothee Dernbach erläutert: „Der Platz um die Unternehmensgebäude war begrenzt und für bestimmte Funktionen musste die Fassade freigehalten werden. Deshalb haben wir hier mit Augenmaß die Funktion und die ökologische Aufwertung unter einen Hut gebracht.“

Foto (von links): Bernd Leutnant von der Unteren Naturschutzbehörde, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler sowie Matthias Fischer und Nadine Riedel von der Bauleitung vereinbarten die Gestaltung einer Blumenwiese für Insekten.

Das Projekt „Main-Kinzig blüht“ ist inzwischen in zahlreichen Kommunen auf fruchtbaren Boden gefallen. „In 28 Städten und Gemeinden gibt es schon sehr konkrete Ideen und Maßnahmen, um den Insekten wieder passende Lebensgrundlagen zu bieten“, berichtet Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler. Für die fachliche Beratung und Begleitung hatte der Main-Kinzig-Kreis entsprechende Gelder bereitgestellt und beim Land Hessen beantragt.

Nun soll im Bereich der Industriebetriebe und Unternehmen ebenfalls für die notwendige Sensibilität gesorgt werden. Denn schon mit einfachen Mitteln kann eine große Wirkung für das Ökosystem erzielt werden, erklärt der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, Bernd Leutnant. In diesem Sinne sollen Grünflächen in den Gewerbegebieten vermehrt mit naturnahen Stauden, Kräutern und Gehölzen aufgewertet werden.

Ein erster Partner in diesem Projekt ist das Unternehmen Engelbert Strauss aus Biebergemünd. Der Bekleidungshersteller baut aktuell seine hochmoderne „CI-Factory“ am Distelrasen bei Schlüchtern. Dort könnte im Frühjahr 2020, passend zum Produktionsbeginn, eine lebensfreundliche Wiese für kleine Blütenbesucher entstehen. Die entsprechende Kooperation wurde jetzt mit der zuständigen Bauleitung, Matthias Fischer und Nadine Riedel, in einem persönlichen Gespräch vereinbart.

„Für unser Anliegen ist es ein wirkungsvolles Signal, wenn ein so bekanntes Unternehmen wie Engelbert Strauss mit im Boot ist“, sagt Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler. Zudem sei es ein großer Vorteil, wenn die Fachleute der Naturschutzbehörde bereits in dieser frühen Phase eingebunden sind. Denn für das geplante Biotop braucht es gar keine „fette Gartenerde“, sondern der natürliche Untergrund ist deutlich besser geeignet.

Nach Auskunft des Diplom-Ingenieurs für Landschaftspflege, Bernd Leutnant, wachsen die ausgesuchten Stauden und Wildkräuter auf dem mageren Substrat ganz hervorragend. Ein weiterer Aspekt für den Erfolg ist die reduzierte Pflege. „Um einen schönen Blütenteppich zu erhalten, darf die Fläche nur zweimal im Jahr gemäht werden“, betont er. Auch dazu bietet der Kreis über das Projekt „Main-Kinzig blüht“ den beteiligten Unternehmen die fachliche Unterstützung an.

In den kommenden Monaten soll nun die Werbetrommel gerührt werden, um weitere Betriebe und Unternehmen für die Idee eines naturnahen Außenbereichs zu begeistern. „Wir haben gemeinsam bereits einige schöne Projekte in den Kommunen umsetzen können und dieses erfolgreiche Konzept wollen wir engagiert weiterführen“, sagt Susanne Simmler, die auch am Landratsamt eine entsprechende Blumenwiese durchgesetzt hat. Nach anfänglicher Skepsis findet die Fläche nun immer mehr Bewunderer, die sich am Anblick der Bienen, Hummeln und Schmetterlingen erfreuen.

Umweltplaner Dr. Stefan Huck (Mitte) und Team freuen sich über insektenfreundliche Bepflanzung ihrer Neubauflächen.

„Schon jetzt warten wir ganz besonders ungeduldig auf den nächsten Frühling“ sagt Dr. Stefan Huck, der mit seinem 7-köpfigen Team in Gelnhausen ein Planungsbüro betreibt. „Denn die Flächen, auf denen es bald summen und brummen wird, sind auch unsere Visitenkarte.“ Nach dem Umzug in den Firmenneubau im oberen Herzbachweg nähe Wartturm in Gelnhausen stellte sich den Umweltplanern die Frage nach der Gestaltung ihrer Außenflächen. Schnell war klar: möglichst naturnah sollte es sein. Schließlich ist das Büro in den Bereichen Umwelt- und Landschaftsplanung, regionale Ressourcensicherung und Naturschutzforschung tätig und berät Unternehmen in naturschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren.

Für den Diplom-Geographen sind Blühflächen ästhetische Gestaltungselemente, ermöglichen Naturerleben und bieten Erholungswert. Überzeugt hat ihn aber vor allem der ökologische Aspekt dieser Flächengestaltung. „Wir wollen mit unserem Projekt dafür sorgen, dass in dem vielfach ausgeräumten und biologisch monotonen urbanen Raum wieder Rückzugsorte für eine Reihe von Pflanzen und Tierarten geschaffen werden“, sagt dazu die Kreisbeigeordnete Susanne Simmler. In den oft gemähten und Grünbeständen finden die Kleintiere keine Überlebensmöglichkeiten. Doch die entstehenden Blühflächen sind sommerliches Nahrungshabitat für Insekten und Vögel und durch die zurückhaltende Pflege auch ein essentielles Winterquartier für Jugendstadien vieler Insektenarten. So überwintern in den vertrockneten Stängeln Wildbienenarten, in trockenen Blättern und Laub überwintern Käfer, Spinnen und Wanzen.

Vom Büro für naturnahe Grünplanung Dernbach kam die Planung und Bauleitung für die rund 800 quadratmetergroße Unternehmensfläche – eine vom Kreis geförderte Leistung. Ralf Geyer, als zuständiger Mitarbeiter, zur Grundidee: „Ein Großteil der Flächen war im Zuge der Baumaßnahmen bereits mit Recyclingschotter aufgefüllt worden, dies erwies sich als Glücksfall für die weiter Planung.“ Denn ein magerer und durchlässiger Boden ist die ideale Voraussetzung für viele besonders attraktive und wertvolle Wildstauden. Die Idee einer rot-weiß-gelben Steppenmischpflanzung mit 30 Arten heimischer Wildpflanzen, konnte so ohne große Bodenbewegungen umgesetzt werden. Ergänzt wurden die repräsentativen Staudenbeete mit Wildrosen, heimischen Sträuchern und über 3000 Blumenzwiebel. Auf den restlichen Flächen wurde statt dem üblichen Schurrasen eine regionale Mager- und Sandrasenmischung ausgebracht.

Die zusammen mehr als 100 Arten sind so zusammengestellt, dass es von März bis Oktober blüht. Denn davon profitieren neben vielen Insekten und Vögeln auch die Menschen, die hier arbeiten. In den nächsten Tagen werden die städtischen Bereiche um den Firmenneubau und die Basketballhalle ebenfalls mit heimischen Wildstauden aufgewertet. Einhergehend mit einer radikalen Umstellung der Pflege, weg vom Mulchen, hin zu maximal zwei Mähterminen, können die Grün- und Gewerbeflächen einen wertvollen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten. Für die Ausführung hatte Stefan Huck das Behinderten-Werk Main Kinzig mit der Ausführung beauftragt. „Die Zusammenarbeit hat allen Beteiligten richtig viel Spaß gemacht“, bestätigt Ralf Geyer.

Als Erstkontakt des Förderprogramms „Unternehmen blühen auf“ besucht Jörg Schmitz im Auftrag des Kreises die örtlichen Unternehmen. Er hofft auf weitere Nachahmer: „Das Gebiet rund um den Wartturm hat noch viel mehr Potential – und die Hürden für Unternehmen, eine Förderung des Kreises zu erhalten, sind denkbar niedrig: ein Erstkontakttermin und eine Selbstverpflichtungserklärung zur fünfjährigen Pflege der Flächen sind die einzigen Bedingungen.“

Seit 2015 wird die Initiative Main-Kinzig blüht in Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband Main-Kinzig sowie dem BUND konsequent vorangetrieben. Im Auftrag des Main-Kinzig-Kreises sind Fachplanerinnen eingebunden, die Städte, Gemeinden und Unternehmen im „Wildblumendenken“ schulen. Dabei sind eine Pflegeumstellung und das Einbringen regionalen Saatguts Grundlage einer naturnahen Freiflächenplanung. Je nach Standort werden auch Staudenmischpflanzungen oder insektenfreundliche Gehölze empfohlen.

 Ansprechpartner

Herr

Jörg Schmitz

Tel. 06051 53 87 845

E-Mail: schmitz@unternehmen-bluehen-auf.de