Notärztlicher Rat in Sekundenschnelle

pm-img

Projekt Telenotarzt läuft: Sieben Rettungswagen werden technisch aufgerüstet – Landrat Stolz: „Erste Erkenntnisse sind durchweg positiv“

05.07.2019. - Es klingt wie Zukunftsmusik für den medizinischen Bereich, doch das ist es längst nicht mehr: Bei bestimmten Einsätzen für Rettungsdienste braucht es nicht mehr unbedingt den Notarzt vor Ort, um trotzdem eine schnelle und fundierte Einschätzung eines Notarztes zu erhalten. Die Lösung lautet „Telenotarzt“. Der Main-Kinzig-Kreis hat sich über mehrere Jahre beharrlich für die Umsetzung dieses Projekts eingesetzt und steigt nun als erste Region in Hessen in eine zweijährige Pilotphase mit immer mehr Rettungsfahrzeugen ein.

„Die Einsatzzahlen für unsere Rettungsdienste steigen seit Jahren an, dieser Trend ist ungebrochen. Gleichzeitig verschärft sich die Lage bei der Fachkräftesuche im medizinischen Bereich. Der zusätzliche Einsatz von Telenotärzten, die sich mindestens mal die Anfahrtszeiten zu den Einsatzorten sparen und trotzdem die Notfallsanitäter vor Ort entlasten, kann dabei helfen, diese Lage zu entspannen“, sagt Landrat Thorsten Stolz.

Im Dezember vergangenen Jahres hat ein erstes technisch aufgerüstetes Einsatzfahrzeug des Deutschen Roten Kreuzes Gelnhausen den Betrieb aufgenommen. Die Besatzung dieses Rettungswagens hat seither die Möglichkeit, bei Bedarf einen Telenotarzt in Sekundenschnelle hinzuzuschalten. Dieser kann auf die Live-Vitaldaten des Patienten und Fotos von der Einsatzstelle zugreifen, mit den Notfallsanitätern am Einsatzort sprechen und bei Bedarf auch einen Videostream aus dem Rettungswagen nutzen. Er ist bloß nicht physisch anwesend, sondern sitzt während des Kontakts in der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Aachen. Er wird kontaktiert in Fällen, in denen Notfallpatienten in einer behandlungsbedürftigen Lage unmittelbar notärztlich angeordnete Medikamente oder Maßnahmen benötigen oder die Fahrzeugbesatzung einen ärztlichen Rat benötigt, etwa wenn die Einsatzkräfte unschlüssig sind, ob überhaupt ein Transport zur Weiterbehandlung in Anspruch genommen werden muss.

Die Erkenntnisse aus den ersten Monaten haben den Main-Kinzig-Kreis schon ziemlich überzeugt, wie Landrat Stolz resümiert. Im ersten halben Jahr sei der Telenotarzt 99 Mal herangezogen worden, was etwa einem Einsatz alle zwei Tage entsprach. „In dieser frühen Projektphase wurde schon weitestgehend das komplette Spektrum rettungsdienstlicher und notärztlicher Leistungen bedient. Insofern haben wir früh Rückschlüsse über die Möglichkeiten der Technik, der Kommunikation und der Delegation ziehen können, praktisch durchweg mit positivem Ergebnis“, so Stolz.

Das Telenotarzt-Fahrzeug war am Rettungswachenstandort Gelnhausen eingesetzt, wurde aber im gesamten Projektgebiet auch in die Versorgungsbereiche Freigericht, Biebergemünd, Bad Orb und Jossgrund mobil gesteuert. Zur Weiterbehandlung der Notfallpatienten wurden neben den Main-Kinzig-Kliniken auch Krankenhäuser zwischen Marburg und Aschaffenburg sowie Fulda und Frankfurt angefahren, ohne dass die Kommunikation zur Telenotarztzentrale in Aachen beeinträchtigt war.

Mittlerweile sind zwei weitere Einsatzfahrzeuge aufgerüstet worden, bis in den Juli hinein sollen es insgesamt sieben sein. In der Pilotphase über zwei Jahre hinweg will der Main-Kinzig-Kreis nun den Telenotarzt intensiver einsetzen und arbeitet eng mit dem Projektpartner und Betreiber des Telenotarztnetzwerkes, „P3 telehealthcare“, zusammen. Im Aachener Raum ist der Telenotarzt seit 2014 etabliert, dort sitzen in der Pilotphase auch die notärztlichen Ansprechpartner für die Rettungskräfte aus dem Main-Kinzig-Kreis – sozusagen am anderen Ende der Leitung.

„Das rund um die Uhr einsatzbereite Notarztteam in der Leitstelle verfügt über eine jahrelange Erfahrung auf dem Gebiet der Telenotfallmedizin, von der der Main-Kinzig-Kreis natürlich mit profitiert. Fachlich und technisch läuft der Austausch auf allen Ebenen schon sehr vorbildlich und reibungslos“, erklärt Dr. Frederik Hirsch, Leiter des medizinischen Qualitätsmanagements bei „P3 telehealthcare“, der das Projekt im Main-Kinzig-Kreis mitbetreut. Der hohe Ausbildungsstand des Rettungsdienstpersonals im Main-Kinzig-Kreis und die hohe Fach- und Kommunikationskompetenz der Telenotärzte greifen ineinander und beschleunigen so die Patientenversorgung.

Vor dem Start des Pilotprojekts gab es unter anderem im Austausch mit dem Land Hessen Überlegungen zu einer kreisübergreifenden Ausgestaltung. Letztlich hat sich der Main-Kinzig-Kreis für ein Projektgebiet innerhalb des Kreises entschieden, was Vorteile bei der Auswertung bringt: Die Ergebnisse werden komplett in eigenen Kommunen und durch Rettungsbedienstete aus dem Kreisgebiet gewonnen, Verbesserungsansätze können auf strukturell ähnliche Nachbarkommunen leicht übertragen werden. Das Sozialministerium des Landes Hessen unterstützt das Projekt ideell, indem es mit Verweis auf die Experimentierklausel im Rettungsdienstplan einen solchen Ansatz explizit begrüßt.

Der Landkreis trägt die Kosten des Telenotarztes über den Rettungsdienst-Gebührenhaushalt, womit sie vollständig über die Krankenkassen refinanzierbar sind. Fürs erste Projektjahr sind 485.000 Euro kalkuliert. Der Kostenaufwand im zweiten Projektjahr dürfte sich nicht wesentlich unterscheiden, wird aber stark abhängig davon sein, wie sich die Inanspruchnahme der telenotärztlichen Unterstützungsleistungen seitens der Rettungsdienste entwickeln wird. Der Main-Kinzig-Kreis geht von einer sukzessiv steigenden Inanspruchnahme aus.

Ergebnis von Messfahrten: Gute Übertragung nahezu überall

Günther Seitz ist einer derjenigen, die das Pilotprojekt seitens des Main-Kinzig-Kreises ganz wesentlich betreut und in den vergangenen Jahren auch für den Start vorbereitet haben. Vor der eigentlichen Pilotphase hatten er und eine Reihe von Fachleuten aus dem Gefahrenabwehrzentrum und dem Rettungswesen die Infrastruktur genauer unter die Lupe genommen. „Wir haben von Beginn an den Plan verfolgt, ein Pilotgebiet im ländlichen Raum für den Telenotarzt vorzusehen und ganz bewusst nicht im Ballungsraum vor den Toren Frankfurts. Den Grund kennt jeder, der schon mal versucht hat, in bestimmten Waldabschnitten im ländlichen Raum zu telefonieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn die Digitaltechnik vollumfänglich im Spessart eingesetzt werden kann, ist sie grundsätzlich auch im eher städtischen Raum nutzbar“, erklärt Seitz, stellvertretender Leiter des Gefahrenabwehrzentrums.

Der Main-Kinzig-Kreis machte daher in den vergangenen Monaten immer wieder Messfahrten. Das Ergebnis bestätigte die Befürworter des Projekts: In nahezu allen Orten wurden ausreichende Signalstärken für den Telenotarzt-Einsatz gemessen. Auf dieser Basis hat der Kreisausschuss im März dieses Jahres ein klares Zeichen gesetzt. Die zweijährige Erprobung kann in nun größerem Umfang fortgesetzt werden. Sieben Fahrzeuge sollen bis nach den Sommerferien technisch aufgerüstet sein.

Dass der Main-Kinzig-Kreis im Rettungswesen neue Wege austestet, hat auch einen quantifizierbaren Hintergrund. In den zurückliegenden Jahren ist das Einsatzaufkommen von 52.800 Einsätzen 2008 auf 71.900 Einsätze im vergangenen Jahr gestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg die Bevölkerungszahl von 400.000 auf mittlerweile fast 419.000 Einwohner an.

Nach mehreren Aufstockungen und Anpassungen hat Landrat Thorsten Stolz Anfang des Jahres die Aufträge an die Rettungsverbände erneut ausgeweitet, um noch einmal mehr Bereitschaftszeiten, sogenannte Vorhaltestunden, zu gewährleisten. Durch die Erhöhung um rund 22 Prozent können für die nächsten fünf Jahre über 348.000 Jahresstunden vorgehalten werden.

Neben den Rettungsdiensten kommen aber auch die Notarztsysteme langsam an die Grenzen bei der Suche nach neuen Fachkräften. Das telenotärztliche System soll diesen Bereich mit entlasten. „Wer die steigenden Einsatzzahlen und Anforderungen an die Rettungsdienste kennt, der weiß, dass ein Telenotarzt keinen bestehenden Arbeitsplatz gefährdet“, stellt Landrat Thorsten Stolz klar. Die telenotärztliche Unterstützung macht den physischen Notarzt auch perspektivisch nicht überflüssig. Überall dort, wo die notärztlich-handwerkliche Kompetenz gefragt ist, kommen Notärzte auch weiterhin wie gewohnt zum Einsatz. „Es ist aber ein weiterer Baustein in unserer Versorgungslandschaft, um die Folgen der gestiegenen Beanspruchung der Rettungsdienste etwas abzumildern.“