Kreis geht für den Pflegeberuf in die Offensive

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„Die Akademie für Gesundheit und Pflege wird die Ausbildung stärken und über die Region hinaus ausstrahlen“: Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann, Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Wächtersbachs Bürgermeister Andreas Weiher vor dem Gelände, auf dem die neue Akademie für Gesundheit und Pflege entstehen soll (von links).

05.10.2018. - Der Main-Kinzig-Kreis geht bei der Ausbildung neuer Pflegefachkräfte in die Offensive und will zusätzliche Kapazitäten für Nachwuchskräfte im Bereich der Gesundheits- und Pflegeberufe schaffen: In den kommenden Jahren soll in Wächtersbach die Akademie für Gesundheit und Pflege entstehen. Die Pläne haben Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann in den Kreisausschuss eingebracht; dieser gab grünes Licht. Jetzt muss der Kreistag in seiner nächsten Sitzung über das zukunftsweisende Vorhaben entscheiden. „Die gute Ausbildung von qualifizierten Nachwuchskräften im Bereich der Gesundheitsberufe und der Kranken- und Altenpflege ist eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahre. Diese Herausforderung nehmen wir an und wollen mit der Akademie für Gesundheit und Pflege nicht nur neue Wege gehen, sondern vor allem zusätzlichen Ausbildungskapazitäten schaffen“, erklärte Landrat Thorsten Stolz.

Im Rahmen eines Ortstermins mit Wächtersbachs Bürgermeister Andreas Weiher haben Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann bereits über erste Eckpunkte des Projekts gesprochen. Wächtersbachs Magistrat hatte sich am Dienstag ebenfalls für das Projekt ausgesprochen.

„Wir bündeln in Wächtersbach Aus- und Fortbildungsstätten, die im Bereich der Alten- und Krankenpflege bisher auf verschiedene Standorte und Träger verteilt gewesen sind. Wir setzen gleichzeitig ein Zeichen über die Kreisgrenzen hinaus gegen den drohenden Fachkräftemangel, indem wir die Ausbildungskapazitäten insgesamt deutlich ausbauen“, führte Stolz aus.

Den Plänen nach sollen die Akademie für Gesundheit der Main-Kinzig-Kliniken sowie das Aus- und Fortbildungsinstitut der Alten- und Pflegezentren zusammengeführt werden und in der gemeinsamen Akademie für Gesundheit und Pflege aufgehen. Als zentralen Lernort für Aus-, Fort- und Weiterbildungen will die Kreisspitze einen an modernsten Ausbildungsanforderungen orientierten Campus in Wächtersbach entwickeln.

Vorüberlegungen dazu gibt es bereits, ebenso wie erste Gespräche zwischen der Kreisspitze und dem Wächtersbacher Bürgermeister Andreas Weiher, der dem Kreis die Fläche am Bahnhof vorgeschlagen hatte. Im Kreisausschuss sprach Landrat Thorsten Stolz von einem zweistelligen Millionenbetrag, den der Kreis für die Pflege am zukünftigen Standort investieren wolle. „Für die genaueren Zahlen und Details zur Gestalt der Akademie warten wir mit Rücksicht auf die Arbeit der Architekten und der beteiligten Ausbildungseinrichtungen die kommenden Schritte ab. Wir haben grünes Licht aus dem Kreisausschuss, jetzt geht es an die Detailarbeit. In den nächsten zwei Jahren wollen wir die Grundlagen für die Akademie schaffen und dann mit entsprechender finanzieller Unterstützung in die Umsetzungsphase einsteigen“, fügte Stolz

„Die Akademie für Gesundheit und Pflege wird die Ausbildung stärken und über die Region hinaus ausstrahlen“, ist sich die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, zugleich Aufsichtsratsvorsitzende der Alten- und Pflegezentren, sicher. Eine anteilige Förderung an den Investitionskosten durch den Bund und das Land wird der Kreis, nun mit dem klaren Votum aus dem Kreisausschuss im Rücken, noch beantragen.

Aus der täglichen Arbeit heraus weiß die Sozialdezernentin, dass die künftigen Bedarfe an Frauen und Männern im Pflegeberuf noch einmal deutlich über dem heutigen Stand liegen werden. „Die Nachfrage nach Pflegeangeboten für ältere Menschen wächst und wächst, stationär wie ambulant. Zugleich ändern sich in naher Zukunft die Rahmenbedingungen für die Ausbildung. Wir machen den Kreis mit der neuen Akademie im Bereich der Pflege zukunftsfest, nicht zuletzt dadurch, dass dann 450 Frauen und Männer, und damit mehr als jemals zuvor, unter einem Dach zu Pflegerinnen und Pflegern ausgebildet werden“, so Simmler.

Rund 1.000 Fachkräfte fehlen bis 2030

Die Kreisspitze weist auf die Zahlen des hessischen Pflegemonitors hin. Demnach waren 2015 im Kreisgebiet 2.832 Pflegefachkräfte und 755 Pflege- und Altenpflegehilfskräfte beschäftigt. Mit 1.411 Beschäftigten ist dabei der stationäre Pflegesektor im Main-Kinzig-Kreis der stärkste. Die Beschäftigtenzahlen in der Krankenpflege sind in den letzten Jahren weitgehend gleich geblieben, in der stationären und ambulanten Altenhilfe hingegen zeigt sich seit 2005 eine starke Zunahme der Beschäftigenzahlen. Die Altersstruktur lasse hier Rückschlüsse auf den zukünftigen Ersatzbedarf zu, begründeten Stolz, Simmler und Ottmann gegenüber dem Kreisausschuss die Initiative.

Während der Fachkräftebedarf lange Zeit ungefähr gedeckt werden konnten, fehlten 2016 schon insgesamt 111 Altenpflegerinnen und Altenpfleger sowie 53 Altenpflegehelferinnen und Altenpflegehelfer. Auf Grund der demografischen Entwicklung liegt der künftige Bedarf – sowohl für die Altenpflege als auch für die Krankenpflege – deutlich höher. So werden im Main-Kinzig-Kreis altersbedingt und durch die Notwendigkeit der Erweiterung bis zum Jahr 2030 zusätzlich rund 1.000 Pflegefachkräfte benötigt.

Historisch gewachsen und auch gesetzlich bislang getrennt haben sich die Ausbildungsorte in Rodenbach sowie bei den Main-Kinzig-Kliniken und den Bildungspartnern Main-Kinzig in Gelnhausen entwickelt und stehen für eine gute, fundierte Ausbildung. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Bildungspartner Main-Kinzig, Winfried Ottmann, sieht trotzdem in einer gemeinsamen Organisation sämtlicher Aus- und Weiterbildungswege unter einem Dach die wertvollen Synergieeffekte für die Bürgerinnen und Bürger. „Die Anforderungen an die Pflegerin und den Pfleger haben sich insgesamt gewandelt. Heute braucht es neben einer starken Grundlagenausbildung und einer praxisnahen Qualifikation auch eine vertiefende weitere Ausbildung. Angesichts der vielen Schnittmengen gerade in den ersten Ausbildungsjahren macht es Sinn, die Kräfte und das Know-how zu bündeln“, so Ottmann.

Die Pläne für die künftige Akademie sehen außerdem vor, dass neben der Ausbildung im Bereich der Pflege auch weitere Ausbildungen und Qualifizierungen in Wächtersbach angesiedelt werden. Dazu könnten die Berufe Rettungsdienstsanitäter, Operationstechnische Assistenz und Anästhesietechnische Assistenz gehören. Auch hierbei sind Überschneidungen in den pädagogischen Konzepten möglich und können effizient-kooperativ genutzt werden.

Ausbildungswege werden zusammengeführt

Im Jahr 2020 tritt das so genannte Pflegeberufereformgesetz in Kraft. Durch dieses Gesetz wird der Grundstein für eine zukunftsfähige und qualitativ hochwertige Pflegeausbildung für die Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege gelegt. Die bisher im Altenpflegegesetz und im Krankenpflegegesetz getrennt geregelten Pflegeausbildungen werden dann zusammengeführt.

Mit diesem Datum im Blick soll der Kreistag das Zusammengehen der Akademie für Gesundheit der Main-Kinzig-Kliniken und des Aus- und Fortbildungsinstituts der Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises beschließen. Bereits 2019 kann sich dann eine Akademie für Gesundheit und Pflege GmbH gründen. Zugleich soll der Kreistag die Schaffung zusätzlicher Ausbildungskapazitäten beschließen, um den hohen Fachkräftebedarf im Gesundheits- und Pflegebereich mittel- und langfristig zu decken.

Der Kreisausschuss bereitet daran anschließend die formalen Schritte zur Zusammenführung und Gründung dieser neuen Akademie für Gesundheit und Pflege GmbH in mehrheitlicher Trägerschaft des Main-Kinzig-Kreises vor. Dazu zählt auch ein Konzept für die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer solchen Gesellschaft. Die Planung für den Neubau lässt der Kreisausschuss ebenfalls vorbereiten und legt sie dem Kreistag zur Entscheidung vor. Ein entsprechendes Grundstück am Wächtersbacher Bahnhof hat der Kreis bereits für sich reservieren lassen und handelt mit der Stadt in Kürze die letzten Modalitäten aus.

„Wir können die weiteren Etappen bis zum Baustart zügig hinter uns bringen. Ich bin mir sicher, dass unser Projekt in Berlin und Wiesbaden ebenfalls positiv aufgenommen wird und wir mit deren finanzieller Hilfe rasch in die Umsetzung dieses für die älter werdende Gesellschaft so zukunftsträchtigen Bauvorhabens einsteigen können“, erklärte Landrat Stolz. Insbesondere die Möglichkeiten des Krankenhausstrukturfonds 2019-2022 sollen für eine öffentliche Förderung geprüft werden.