Ein Jahr nach „Corona-Fall eins“: Kreisspitze blickt zurück

pm-img
In den Krankenhäusern wie hier in den Main-Kinzig-Kliniken in Schlüchtern gelten strenge Schutzmaßnahmen.

02.03.2021. - Am Mittwoch (3.3.) jährt sich der erste Corona-Fall, den das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreis bekanntgegeben hat. Für Landrat Thorsten Stolz stellt dieses Datum den „Beginn einer sehr harten Prüfung für die gesamte Gesellschaft“ dar. „Nie zuvor seit Bestehen des Main-Kinzig-Kreises, auch zu keiner Zeit seit dem Kriegsende, sind wir alle derart aus unserem Alltag herausgerissen und auf elementare Fragen zurückgeworfen worden: Wie schützen wir Mitmenschen, wie retten wir Leben, wie versorgen wir einzelne Betroffene und große Einrichtungen? Diese Fragen begleitet unser Tun und Handeln bis heute“, sagt Thorsten Stolz.

Die erste Person, die nachweislich im Main-Kinzig-Kreis mit dem Coronavirus infiziert ist, wohnt in Hanau. Viele Fragen tauchen im Frühjahr 2020 auf. Der Main-Kinzig-Kreis beantwortet sie seit März 2020 täglich am Bürgertelefon. Auf bestimmte Fragen gibt es zu dem frühen Zeitpunkt allerdings keine abschließenden Antworten: Wie findet die Übertragung statt? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Ist das Virus für alle Altersgruppen gleichermaßen gefährlich? Wie sinnvoll ist es, Privatkontakte drastisch zu reduzieren? Was ist mit Schul- und Kitakindern?

„Wir sind mit dem Verwaltungsstab von Beginn an immer fachlich geleitet vorgegangen, aber haben auch eher auf Nummer sicher gesetzt. Niemand konnte im März 2020 die Frage beantworten, wie bedrohlich das Virus sein würde, keiner hatte ein Patentrezept in der Schublade, wie mit all den Fragen umzugehen war“, blickt Landrat Thorsten Stolz zurück. Man habe gut daran getan, „schnell gemeinsam zu agieren, aber immer auf Sicht Entscheidungen zu treffen“. „Es wurde erst nach und nach deutlich, dass es in dieser ersten Phase vor allem die älteren Menschen sein würden, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Da hatten wir diese vulnerablen Bereiche schon nach unseren Möglichkeiten geschützt“, blickt Landrat Stolz zurück. „Und trotzdem ist kein Bereich dieser Gesellschaft vor einer Virusübertragung gefeit, weder die Schulen und Kitas noch die Heime, auch nicht die Arbeitsorte, vor allem nicht der private und familiäre Bereich. Das war in der ersten Welle schon so, und leider ist das bis heute so, wenn auch die Impfungen daran viel zu ändern vermögen. Das ist die Hoffnung für uns alle und auch ein gewichtiger Grund für Zuversicht.“

Wenn Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler an den ersten Fall vor einem Jahr denkt, dann fällt ihr der Anruf einer Hanauer Bürgerin ein. „Wo wohnt dieser erste Fall und wer ist das genau, das muss die Öffentlichkeit doch vom Gesundheitsamt wissen, um dem Virus aus dem Weg gehen zu können: Diese Erwartung war vor einem Jahr ziemlich verbreitet“, erinnert sich die Erste Kreisbeigeordnete. „Dahinter steckt ja auch ein nachvollziehbarer Wunsch. Wir hätten unseren liebgewonnenen Alltag gerne alle fortgesetzt und das Virus auf kleinste Radien begrenzt. Aber als sich dann die Fälle aus den Wintersportregionen, vor allem aus Ischgl, massiv häuften, auch die Ansteckungen, die dann überall innerhalb der Region nachgewiesen werden konnten, da war schnell klar, dass das nicht mehr geht.“

Das Gesundheitsamt und alle damit verbundenen Ämter mussten sich auf eine breitangelegte Pandemie-Bewältigung einstellen. „Als es galt, galt es, da haben Mann und Maus gestanden und sich den Aufgaben gestellt“, so Simmler. „Es ist, bei aller Kritik, die wir alle manchmal einstecken müssen, eine gute Leistung, dass Bürgerinnen und Bürger, die Verwaltungen der Städte und Gemeinden, Hilfsverbände, Unternehmen und der Kreis eng zusammenarbeiten“, lobt Susanne Simmler.

Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt zum Beispiel, bis vor einem Jahr mit 17 Personen besetzt, wächst zunächst auf bis zu 150 Personen an. Ihr Ziel: Kontakte nachzuverfolgen. Innerhalb des Gesundheitsamts bilden sich Fachteams heraus, für Heime, für Schulen, für Arztpraxen. Zunächst wird das Personal aus allen Verwaltungsteilen zusammengezogen, nach und nach werden sie durch neu angeworbene Kräfte ersetzt.

„Die Pandemie hat uns alle immer wieder an Grenzen geführt, die es zu meistern galt und auch weiterhin gilt. Ich denke da zu Beginn vor allem an die Organisation von Schutzausrüstung, dann schnell an die technischen und digitalen Hilfsmittel im Gesundheitsamt, an die Unterstützung der Pflegeheime oder die Organisation von Schnelltestmöglichkeiten – alles Dinge, die wir vor Ort entscheiden können. Wir versuchen, wo immer möglich, pragmatisch und der Lage angepasst Lösungen zu finden“, erklärt Susanne Simmler. Neue digitale Instrumente sind hinzugekommen, als einziger hessischer Landkreis bietet der Main-Kinzig-Kreis eine App an, die die Kontaktpersonennachverfolgung vereinfacht und Daten von Kontakten direkt in die Systeme des Gesundheitsamtes einspielt, um so die Zettelwirtschaft in dem Bereich zu beenden.

Dem ruhigen Sommer folgt die heftigere Welle im Herbst

Die erste Welle klingt ab, im Sommer gibt es tageweise keine einzige Neuinfektion. Die Schulen bewegen sich im Normalbetrieb Richtung Sommerferien. In den letzten Wochen vor den Ferien treten die ersten Fälle und Ausbrüche im Umfeld von Menschen auf, die aus dem Urlaub oder von einer Geschäftsreise zurückkehren. „Reiserückkehrer“ werden das neue bestimmende Thema. Der Main-Kinzig-Kreis geht bei der häuslichen Isolierung für Rückkehrer konsequent voran, nicht ohne Widerstände. Aber eben auch nicht ohne Grund: eine kleine neue Welle baut sich bei den Neuinfektionen auf, die durch neuerliche Einschränkungen – punktuell und auf den Westkreis beschränkt – zunächst eingedämmt werden kann. Ab Oktober rollt die größere und bis heute viel heftigere Corona-Welle, begleitet von Hinweisen von Virologinnen und Virologen, dass sich Varianten des Coronavirus ausbreiten, infektiöser und auch bei jüngeren Menschen ansteckender. Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt wird noch deutlich vergrößert, auf über 200 Personen, unterstützt durch Kräfte der Bundeswehr.

Für Jugend- und Schuldezernent Winfried Ottmann sind die Hinweise auf Virusvarianten „aktuell die größte Unbekannte auf unserem Weg in eine Verstetigung von Unterricht und Betreuung“. Er verweist auf erste Ausbrüche in Kindertagesstätten in diesem Jahr, die sich so in der ersten Welle nicht gezeigt hätten. „„Wir haben die Strategie angepasst, in einem enorm vergrößerten Radius zu testen und mehr Kinder und Jugendliche in häusliche Isolierung zu schicken. Das ist definitiv eine sehr weitgehende Veränderung, aber die Situation erfordert es einfach. Da bitte ich als Jugend- und Schuldezernent noch mal bei allen Betroffenen um Verständnis“, so Ottmann. „Es ist gut, dass wir im gesamten letzten Jahr, unabhängig vom Infektionsgeschehen oder dem Inzidenzwert, bei den Schulen die Digitalisierung weiter vorangetrieben haben. Software und Hardware funktionieren bis auf vielleicht vereinzelte Fälle wirklich reibungslos, so dass wir womöglich in Kürze viele junge Menschen in häuslicher Isolierung haben, aber der Unterrichtsstoff trotzdem vermittelt und gelernt werden kann.“

Ein Jahr Corona-Pandemie bedeutet auch ein Jahr voller Statistiken und Zahlen, an denen sich die Öffentlichkeit orientiert: Fast 15.000 Menschen haben sich in diesen zwölf Monaten mit dem Virus infiziert, mehr als 13.600 haben die akute Infektion überstanden. 471 Tote sind zu beklagen, überwiegend Menschen hohen Alters. Mittlerweile liegt die Sieben-Tages-Inzidenz, die das Infektionsgeschehen beschreibt, zwischen 80 und 90. Ein hoher Wert nach wie vor, aber deutlich niedriger als noch Ende Dezember mit Werten jenseits der 300. Seinerzeit gab es noch zahlreiche Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen; unter den Menschen im Alter von über 60 liegt der Inzidenzwert jedoch seit einigen Wochen konstant unter dem Wert für den gesamten Kreis, nämlich im Bereich zwischen 60 und 70.

Denn auch das steht ein Jahr nach Fall eins im Main-Kinzig-Kreis fest: Die Impfkampagne kommt mit zunehmender Geschwindigkeit voran, in allen stationären Einrichtungen waren bereits mobile Teams. Die Impfzentren arbeiten täglich, mit über 17.000 Menschen gibt es mittlerweile mehr Geimpfte als einst Infizierte. Die Impfungen bremsen die Ausbreitung und können schwere Krankheitsverläufe deutlich reduzieren. Immer mehr Menschen werden sich kurz- und mittelfristig für diesen Impfschutz entscheiden können. All das war vor einem Jahr so im Main-Kinzig-Kreis ebenfalls noch nicht zu erwarten.

„Hinter uns liegt ein Jahr der enormen Herausforderungen. Ich danke hier allen Menschen, die egal an welcher Stelle und in welcher Verantwortung auch immer, angepackt und mit dazu beigetragen haben, unseren Main-Kinzig-Kreis auch in dieser besonderen Zeit auf Kurs zu halten. Viele sind in dieser Zeit über sich hinausgewachsen und haben Sensationelles geleistet“, so Landrat Thorsten Stolz.