ZfR-Mitteilungsblatt: Louis Appia, Hanauisch-Indien und Bauforschung

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Die Limesroute: Motiv auf dem Titelblatt der aktuellen Ausgabe.

20.07.2020. - An der aktuellen Auflage des Mitteilungsblattes aus dem Zentrum für Regionalgeschichte haben 14 Autorinnen und Autoren mitgewirkt und eine bunte Palette von Themen aufbereitet. Ein Beitrag behandelt die im August 2019 in Hammersbach-Marköbel offiziell eröffnete „Limesroute“. Weiße Holzpfähle markieren in der Landschaft dieses einzigartige Kulturdenkmal und zieren diesmal auch das Titelbild des neuen Mitteilungsblattes.

Zusammen mit der Regionalpark Ballungsraum RheinMain GmbH hatten Main-Kinzig-Kreis und der Wetteraukreis auf rund 40 Kilometer von Großkrotzenburg bis Echzell die neue Route realisiert, um den historischen Verlauf des Limes durch neue Markierungen erlebbar und attraktiver zu machen. Eine Wanderung zu Fuß oder mit dem Rad ist auch in der Ferienzeit ein guter Tipp, denn zahlreiche Schautafeln oder andere interessante Objekte finden sich entlang der Strecke.

Vor 350 Jahren ratifizierte Graf Friedrich Kasimir von Hanau-Münzenberg einen Vertrag mit der holländischen Westindischen Kompanie über den Erwerb eines Landstrichs in Südamerika (heute etwa Surinam). Erdacht und ausgehandelt hatte den Deal „Finanzminister“ Johann Joachim Becher, um am globalen „Kolonialrennen“, das bereits am Laufen war, teilzuhaben wie Gunnar Schwarting feststellt.

Vom Makro- zum Mikrokosmos kommend schließt sich Manfred Tschaikners Beitrag zum Dorf Ulmbach an: ein erhaltenes Gerichtsbuch, geführt vom ausgehenden 16. bis frühen 17. Jahrhundert, erhellt dörfliche Ordnung und Gerichtswesen des damals fuldischen Amtes. Die im Hauptstaatsarchiv Marburg bewahrte Quelle ist von herausragender lokal- wie regionalgeschichtlicher Bedeutung, weil sie aufschlussreiche Einblicke in vielfältige Lebensbereiche der Bewohner bietet.

Erhard Bus macht klar: Neben dem Schweizer Henry Dunant spielte auch ein Hanauer in der Frühphase der internationalen Rotkreuzbewegung eine wichtige Rolle: der Arzt Louis Appia. Der Pfarrerssohn eines waldensischen „Refugiés“ war in Hanau geboren und hatte 1859 während des Sardischen Krieges in Norditalien Verwundete gepflegt. Wegen ihrer Kriegserfahrung werden Appia, Dunant und andere einen Sanitärdienst für verwundete Soldaten ins Leben rufen (das spätere internationale Komitee vom Roten Kreuz) und die Genfer Konvention von 1864 erwirken.

Neue Erkenntnisse zum architektur- und kunstgeschichtlichen „Leuchtturm“ Kaiserpfalz liefert Ulrich Klein. Die Entstehung der Pfalz in Gelnhausen ist untrennbar mit der Geschichte ihres Erbauers, Friedrich I., verknüpft. Obwohl oft Gegenstand der Forschung, blieben wichtige Fragen nach einem Vorgängerbau und die Datierung von Bauphasen ungeklärt und kontrovers diskutiert. Mit Hilfe der Archäologie konnten durch das Institut für Bauforschung Marburg grundlegende Fragestellungen aufgeklärt werden.

Auch das 1108 gegründete Selbolder Kloster gibt Rätsel auf. Das in Urkunden Überlieferte und in Bau- wie Spolienuntersuchungen Greifbare wurde von Manfred Keil, Rainer Peschelt und Anita Schuldt zusammengetragen, um ein rekonstruiertes Bild der einst bedeutenden Klosteranlage der Zisterzienser zu vermitteln.

Dialektforscher und -forschung thematisieren Hans-Christoph Nahrgang und Peter Nickel. Ersterer erinnert an die Grundlagen, die Sprachwissenschaftler Georg Wenker ab 1876 mit den „40 Wenkersätzen“ schuf, während Letzterer dem Wort „Dalles“ als sprachliche Hinterlassenschaft ehemaliger Besatzer nachgeht. Ein sehr lesenswertes Interview mit der Begründerin des Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseums Hanau, Gertrud Rosemann, über deren russische Kriegsgefangenschaft bis 1948 hat Sybille Behrens geführt.

Eine Zusammenstellung von Belegen des Tetragramms in unserer Region von Hans-Joachim Schalies und die Meldung von Sibylle Winkel und Matthias Kuprian über den glücklichen Fund einer als ausgestorben geltenden Schnecke – des Keller- oder Bierschnegels – runden die Ausgabe ab.

Das Mitteilungsblatt wird herausgegeben vom Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises, Amt für Kultur, Sport, Ehrenamt und Regionalgeschichte. Zum Preis von 7 Euro ist es im Bürgerportal des Main-Kinzig-Forums in Gelnhausen erhältlich. Zzgl. Versandkosten kann es bezogen werden bei: Main-Kinzig-Kreis – Zentrum für Regionalgeschichte, Barbarossastraße 24, 63571 Gelnhausen. Interessenten können sich auch melden per E-Mail oder Telefon: zfr@mkk.de; 06051-8514318.