Existenzielle Grundbedürfnisse von Menschen

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Strahlende Gesichter bei der Verleihung des Sozialpreises im Barbarossasaal des Main-Kinzig-Forums (von links): Kreisbeigeordneter Hugo Klein, Jutta Straub, Vorsitzende des Sozialausschusses des Kreistags, Hesseldorfs Ortsvorsteher Otmar Müller, Preisträger Michael Schell, Wächtersbachs Bürgermeister Andreas Weiher, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, Preisträgerin Cornelia Schell-Häbich, Uwe Häuser, stellvertretender Vorsitzender des Sozialausschusses, Preisträger Claus Witte mit seiner Frau Gudrun, Bundestagsabgeordnete Bettina Müller und Gründaus Bürgermeister Gerald Helfrich.

Der Preis für besonderes ehrenamtliches und soziales Engagement des Main-Kinzig-Kreises rückt in diesem Jahr zwei existenzielle Grundbedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt: Wohnen und Nahrung. Ein Mangel in beiden Bereichen sei ein hochaktuelles und brisantes Thema, nicht nur in den Ballungsgebieten Rhein-Main, sondern zunehmend auch in den ländlich geprägten Kommunen des Main-Kinzig-Kreises, sagte Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler während der 21. Preisverleihung im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen. Dort überreichte sie im Beisein zahlreicher Gäste unter Applaus Auszeichnungen an Cornelia Schell-Häbich und Michael Schell von der Wächtersbacher Genossenschaft „Wohnbau 60 Plus“ sowie an Claus Witte von der Gelnhausener Tafel. Der Preis ist mit 7000 Euro dotiert und wird zwischen den Preisträgern aufgeteilt.

An diesem Abend gehe es darum, „dem Ehrenamt die Ehre zu erweisen“, sagte die Sozialdezernentin. Das gelte erst recht für Menschen, die sich im Kampf gegen die Armut darum bemühen, für Menschen mit wenig Einkommen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und deren Kühlschrank dank dieses Engagements auch dann mit Speisen gefüllt sind, wenn das Geld dafür eigentlich schon längst nicht mehr reicht. „Was kann ich mir leisten?“ – diese Frage treibe immer mehr Menschen um und bereite große Sorgen, sagte Susanne Simmler. So sei es nicht verwunderlich, dass in einer aktuellen Forsa-Umfrage mehr als die Hälfte der Befragten angegeben hätten, sich um soziale Ungleichheit zu sorgen, Angst vor sozialem Abstieg zu verspüren und darüber hinaus nicht mehr den Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft vertrauen würden. „Das ist ein Alarmzeichen“, sagte die Sozialdezernentin. Sie lud alle Anwesenden dazu ein, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Gesellschaft zusammen gehalten werden kann.

Der Staat werde häufig als etwas Abstraktes begriffen. Aber: „Der Staat, das sind wir alle, nicht nur alle sechs Jahre, wenn gewählt wird“, sagte Susanne Simmler eindringlich. „Es liegt an uns allen, mitzutun und ein Stück weit Verantwortung zu übernehmen.“ Sie lenkte den Blick auf die jungen Leute. Diese gelte es, verstärkt für das Ehrenamt zu begeistern in einer Zeit, in der sie deutliches Interesse an dem zeigen, was um sie herum in der Gesellschaft passiert. Es müsse doch möglich sein, sie für ehrenamtliche Aufgaben in der Region zu gewinnen, die Themenbereiche seien vielfältig. Susanne Simmler kündigte an, sich für einen Tag der „Regionalen Initiativen“ in den Schulen einzusetzen, ähnlich dem des „Boys‘ and Girls‘ Day“. Denn die Ehrenamtlichen bräuchten dringend Nachwuchs. Ehrenamtliches Wirken in all seinen Facetten – „das sind kleine Bausteine des Zusammenhalts“, sagte die Sozialdezernentin. Ehrenamt lebe von einzelnen Menschen und ihren Ideen, die in der Lage seien, wie Lokomotiven andere mitzureißen und für die Sache zu begeistern. Solche Menschen seien Claus Witte sowie das Ehepaar Cornelia Schell-Häbich und Michael Schell. Diese waren nicht allein gekommen, sondern brachten andere Ehrenamtliche mit, die sich gemeinsam mit ihnen für alte und junge Menschen einsetzen, denen es aus den unterschiedlichsten Gründen nicht möglich ist, die Grundbedürfnisse nach Wohnraum und Nahrung aus eigener Kraft zu stillen.

Claus Witte arbeitet seit 2008 in der Tafel Gelnhausen, die 2007 gegründet wurde. Versorgt werden Woche für Woche 1200 Kunden. Seit 2012 engagiert sich der Apotheker im Vorstand. Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel in Berlin gegründet, mittlerweile seien es deutschlandweit 940 Tafel-Vereine, die 1,5 Millionen Menschen versorgen, sagte Susanne Simmler. Das stelle eine rasante Veränderung im Sozialstaat dar. „Die Tafeln sind ein verlässlicher Pfeiler der Gesellschaft geworden. Wir sind froh und dankbar, dass es sie gibt. Aber was sagt das über unser System aus?“, fragte die Erste Kreisbeigeordnete ins Publikum.

„Sein Herz schlägt für die Tafel“, sagte Susanne Simmler über den Preisträger Claus Witte. Als Vorsitzender unterstütze er die in Not geratenen Menschen in allen Belangen. Er verfüge über ein großes Einfühlungsvermögen und hohen Sachverstand. Er helfe schnell und unbürokratisch und sei ein fordernder Gesprächspartner, wenn es um die Belange der Tafel und der Menschen gehe, attestierte Susanne Simmler ihm und fügte hinzu: „Sie haben immer ein offenes Ohr für ihre große Helferschar.“ „Wer dieses Land liebt, muss sich dafür endlich auch mal engagieren“, sagte Witte anschließend in seiner Dankesrede, für die er Applaus erntete.

Die zweiten Preisträger hatten die Idee, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, um Menschen mit geringem Einkommen dabei zu helfen, das existenzielle Bedürfnis nach einem bezahlbaren Dach über dem Kopf zu erfüllen. 2015 gründete das Ehepaar Cornelia Schell-Häbich und Michael Schell die Genossenschaft „Wohnbau 60 Plus“. 2017 konnten nach sechsmonatiger Sanierungszeit vier Wohnungen in der Alten Schule in Hesseldorf bezogen werden – zu einem niedrigen Mietpreis. Sozialer Frieden in einer Gesellschaft hänge auch mit bezahlbaren Mieten zusammen, sagte Susanne Simmler. Diese elementare Aufgabe dürfe nicht allein dem Spiel des freien Marktes überlassen werden, sondern sei Teil der Daseinsvorsorge eines starken Sozialstaates. Durch das Förderprogramm des Main-Kinzig-Kreises für preisgünstigen Wohnungsbau mit einem Volumen von zwölf Millionen Euro seien bereits 100 neue und bezahlbare Wohnungen im Kreis entstanden. Günstige Wohnungen zu schaffen, sei eine dringliche Aufgabe und Initiativen wie die Wächtersbacher Genossenschaft „Wohnungsbau 60 Plus“ seien Vorbild für andere. Cornelia Schell-Häbich sprach in ihrer Dankesrede von den Schwierigkeiten, die es mit sich gebracht habe, ein solches Projekt zu stemmen. Als erfreuliche Nachricht teilte sie mit, dass ein weiteres Haus mit acht Wohnungen mittlerweile über ein Dach verfüge. Sie dankte allen Gremien für die entgegen gebrachte Unterstützung.

Im Anschluss an die Preisverleihung hatten Preisträger, Ehrende und Gäste bei regionalen Spezialitäten Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Musikalisch wurde die Preisverleihung vom Trio Arpa der Musikschule Main-Kinzig unter der Leitung von Harry Wenz begleitet.