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Beruwala
Aktualisiert am: 15.08.2011
Wichtiges in Kürze

Die Hoffnung ist zurückgekehrt - Vierte Hilfsreise nach Sri Lanka

Diese Kinder sind die Hoffnung ihres Landes. Wie die Orgelpfeifen stehen sie vor Karl Eyerkaufer: Kleine Tamilen, Singhalesen, Buddhisten, Hinduisten, Moslems und Christen. Je ein Kind jeder Volksgruppe und Religionsgemeinschaft trägt der frühere Landrat des Main-Kinzig-Kreises symbolisch in die Liste des neuen Kindergartens ein. Hier werden sie gemeinsam spielen, essen und lernen. Während Sri Lanka in einen Bürgerkrieg zu fallen droht, leben und lachen die Kinder der unterschiedlichen Volksgruppen in den neuen Kindergärten Hambantotas wie selbstverständlich miteinander.


Den Rucksack mir der Aufschrift ihres Nidderau-Kindergartens gab es für die Kleinen von Karl und Marion Eyerkaufer als Zugabe.
Den Rucksack mir der Aufschrift ihres Nidderau-Kindergartens gab es für die Kleinen von Karl und Marion Eyerkaufer als Zugabe.

Als „zwei der bewegendsten Momente auf all meinen Reisen“, bezeichnet Eyerkaufer die Eröffnungsfeiern des Maintal- und des Nidderau Kindergartens an der Südküste. Zum vierten Mal binnen anderthalb Jahren ist der Landrat a.D. in Sri Lanka unterwegs, um die Wiederaufbauhilfe des Main-Kinzig-Kreises nach der verheerenden Flut vom 25. Dezember 2004 persönlich zu leiten. Und zum vierten Mal übergibt er wichtige Hilfsprojekte ihrer Bestimmung.

Irsan Mohamed, der quirlige und findige Organisationschef vor Ort, hatte zuvor wieder ganze Arbeit geleistet. Alle Projekte, die Eyerkaufer erst bei seinem vergangenen Besuch im Februar angestoßen hatte, sind fertig.

Bildung für alle
In Beruwalas stark verwüstetem Stadtteil Maradana, in dem die Bürgerinnen und Bürger des Main-Kinzig-Kreises erst zu Jahresbeginn die Geburtshilfe- und Kinderklinik neu erreichtet hatten, übergeben Eyerkaufer und seine Gattin Marion unter den Augen von Vizebürgermeister Hassan Fassy die neue Bibliothek ihrer Bestimmung. Die Flut hatte die alte Bücherei komplett weggeschwemmt. „Für den armen Teil der Bevölkerung ist das die einzige Möglichkeit, Tageszeitungen und Bücher zu lesen“, berichtet Eyerkaufer. Rund 6.000 Euro kostete der Neubau des Hauses samt einer Grundausstattung an Literatur. Für dieses Projekt engagierten sich besonders die Stadtschule Schlüchtern und die Stadt Schlüchtern.

Main-Kinzig-Building aufgestockt
Menschengewimmel. Tausend Schülerinnen werfen Blumen. Die Straßen sind festlich geschmückt: Es herrscht einmal mehr Volksfeststimmung in Chinafort. Das erst im Februar feierlich eröffnete „Main-Kinzig-Building“ steht schon wieder im Blickpunkt. Um ein drittes Stockwerk erweitert, bietet es jetzt Platz für zwölf Klassen mit insgesamt 720 Kindern. „Damit ist unsere schlimme Raumnot behoben“, sagt Schulleiterin Haleema Najubdeen erleichtert. Im Hinterland gelegen, war die muslimische Mädchenschule nicht direkt vom Tsunami betroffen, musste aber nach der Katastrophe fast 1.000 Kinder von der Küste aufnehmen und geriet damit selbst in arge Not. Insgesamt 49.000 Euro investierten die Bürgerinnen und Bürger des Main-Kinzig-Kreises in dieses Projekt.

Zahnklinik eröffnet
Szenenwechsel: Nur einen kurzen Fußmarsch entfernt, trauen Karl Eyerkaufer und seine Begleiter ihren Augen kaum. In Beruwalas Zahnklinik erinnert nichts mehr an den deprimierenden Anblick, der sich den Gästen noch fünf Monate zuvor in Form fußbetriebener Bohrer, fehlender Desinfektionsmöglichkeiten und vorsintflutlicher Gerätschaften bot. Irsan Mohamed ließ keine Kompromisse zu. Das Gebäude wurde komplett entkernt, in Warte- und Behandlungsräume neu eingeteilt, erhielt einen neuen Anstrich und vor allem eine Ausstattung, die eine hygienische Behandlung für bis zu 9.000 Patienten möglich macht.

Gleich zwei Staatsminister reisen aus Colombo an, was die Bedeutung dieses Projektes unterstreicht. „An dieser Stelle danke ich Erich Pipa ganz herzlich“, unterstreicht Eyerkaufer. Landrat Pipa hatte sich bei den drei Sparkassen des Kreises, bei Main-Kinzig-Gas, bei den Kreiswerken Gelnhausen und bei den Kreiswerken Hanau für eine finanzielle Unterstützung dieses wichtigen Projekts stark gemacht. Mit Erfolg. Nach einer Investition von rund 8.000 Euro ist die zahnmedizinische Versorgung wieder gewährleistet.

Obdachlosigkeit für 16 Menschen beendet
Zurück an die Küste bei Maradana. Drei Familien mit 19 Personen in faulenden Bretterbuden am Rand eines Abwasserkanals: Dieses menschenunwürdige Bild bot sich den Eyerkaufers im Februar. An diesen Menschen war die Welle der internationalen Hilfe schlicht vorbeigerollt. Es ist eine Spezialität des kleinen Teams um Irsan Mohamed, gerade solche „vergessenen“ Familien, Handwerker, Schulen und Einrichtungen zu finden. Das hat die Hilfe aus dem Kreis auf der Tropeninsel so bekannt und angesehen gemacht.

Und so ist jetzt auch für diese drei Familien die Leidenszeit vorbei. In nur vier Monaten entstand ein Haus für alle. Wohnung numero eins finanzierte sich aus dem Spendentopf des Kreises. Haus zwei ermöglichte die Familie Jürgen Schillo aus Wächtersbach, und Haus drei ist das Ergebnis der Benefiz-Tanzshow von Free Motion / Firstposition unter der Leitung von Kalli Goy und Helen Krupka aus Freigericht-Bernbach vom vergangenen Winter.

Ein Konzert der Stadtschule Schlüchtern wiederum hat dafür gesorgt, dass in mehreren Schulen und Kindergärten endlich wieder Musikunterricht möglich wird. Die Instrumente, die Karl und Marion Eyerkaufer im Main-Kinzig-Kindergarten, den neuen Kindergärten in Hambantota, in der katholischen Schule und in der Buddhist Junior School überreichen, lösen helle Begeisterung aus.

Helfen als Bürgerbewegung
„Genau das hat unsere Hilfe seit der Katastrophe ausgezeichnet“, ergänzt Landrat Erich Pipa. „Schulen musizierten für Schulen, Gemeinden spendeten für öffentliche Einrichtungen, Privatleute griffen zu Ersparten um Einzelschicksale zu lindern. Jeder half an seinem Platz und mit großer Phantasie“, freut sich Pipa über eine regelrechte Bürgerbewegung im Landkreis.

Erkennbar ist das oftmals an vergleichsweise kleinen Beispielen. Den zwei von den Kreis-Kommunen gesponserten Traktoren, die in den ersten Monaten nach der Flut zum Aufräumen notwendig waren, begegnet Eyerkaufer zufällig auf den Straßen Beruwalas – und zwar bei der Müllabfuhr. „Es ist schön zu sehen, dass unsere Hilfe auch nach Beseitigung der gröbsten Flutschäden beim Aufbau einer neuen Infrastruktur nützlich ist“, schmunzelt der Landrat a.D..

Die hohe Nachhaltigkeit lobt auch der stellvertretende deutsche Botschafter in Sri Lanka, Wolfgang Erdmannsdörfer. Wie immer sind Karl Eyerkaufer und seine Begleiter in der Botschaft zu Gast. Dort erfahren sie, dass sich inzwischen viele Hilfsorganisationen zurückgezogen hätten. Die zielgerichtete Hilfe aus dem Main-Kinzig-Kreis sei in dieser Form einzigartig, berichtet Erdmannsdörfer.

Den emotionalen Höhepunkt der Reise bildet ohne Zweifel die Fahrt ins südlich gelegene Hambantota mit der Eröffnung des Maintal- und des Nidderau-Kindergartens. Hier traf die Welle das kleine Land mit noch viel größerer Wucht als in Beruwala. Zudem geht abseits der Touristenzentren und weit weg von der Hauptstadt der Aufbau merklich langsamer voran. Entsprechend groß ist die Begeisterung der Bewohner, als Eyerkaufer zwei außergewöhnliche Projekte feierlich zum Abschluss bringt: Dein Maintal- und den Nidderau-Kindergarten. Zwei baugleiche Kindergärten, nur wenige Kilometer voneinander entfernt.

In Samayipupa, einem vergessenen Ortsteil, schlagen sich in den Überresten von rund 250 Häusern die Menschen mehr schlecht als recht durchs Leben. Für rund 180 Waisenkinder ist die Zeit des ziellosen Umherirrens in den Trümmern jetzt vorbei. Nach dem Montessori-Prinzip werden die Kinder hier betreut – über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinweg. „Dass wir mit diesen beiden Kindergärten nicht nur humanitär helfen, sondern in einer Zeit des drohenden Bürgerkrieges aus noch zur Völkerverständigung beitragen, empfinde ich als zutiefst bewegend“, schildet Eyerkaufer seine Eindrücke.

Der Maintal-Kindergarten wurde mit Spenden aus der zweitgrößten Stadt des Kreises gebaut. Die Telekommunikationsfirma Drillisch hatte 10.000 Euro gespendet, und beim Weltkindertag in der Büchertalschule in Wachenbuchen kam auch eine stattliche Summe zusammen. Der Nidderau-Kindergarten wurde gestiftet vom Erlös aus Sommerfesten der neun Nidderauer Kindertagesstätten.

Es heißt wieder Abschied nehmen von der kleinen Sonneninsel. Abschied von den Menschen, die so viel erdulden müssen . . . und uns mit ihrem herzlichen Lachen dennoch als Vorbild taugen.