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Beruwala
Aktualisiert am: 15.08.2011
Wichtiges in Kürze

Ein Boot namens Main-Kinzig-Kreis

Individuelle Starthilfen als wichtiger Teil des Programms

23. Februar. - Raseens Stimme ist fest, sein Blick schweift ernst durch die Runde vor einem der wenigen intakten Häuser Maradanas. Auf dem Boden liegen vier Außenbordmotoren. Große Säcke sind mit Namen gekennzeichnet. Um uns herum Trümmer aller Art: zerborstene Bootsrümpfe, Reste von Mauerwerk, Müll.

Die drei einzigen Weißen in der Runde blicken zu Boden. Da betet einer für uns, der alle Gebete dieser Welt für sich selber bräuchte.

Morgen wird Raseen aufs Meer fahren. Zum ersten Mal seit dem 26. Dezember. Er hat jetzt wieder ein Netz - genau wie sechs Kollegen.

    Elf Fischerboote wurden mit Spendengeldern angeschafft.
Elf Fischerboote wurden mit Spendengeldern angeschafft.

Auch der schmächtige und stille Naleem geht wieder auf Fang. Sein neues Boot kam gestern aus der Werft, bezahlt mit Spendengeld der Bürgerinnen und Bürger aus einem hessischen Landkreis, irgendwo 10.000 Kilometer entfernt. Das Boot soll „Main-Kinzig-Kreis“ heißen, und dann will Naleem sein Zuhause wieder aufbauen. Hoffnung im Trümmerfeld.

Karl Eyerkaufer nimmt einen langen Schluck aus der aufgeschlagenen Kokosnuss. 37 Grad, Staub, Müll, es riecht streng. Der Landrat nickt zufrieden und bleibt doch nachdenklich: „Da kann man sich über unsere politischen Streitigkeiten zu Hause nur wundern.“

Szenenwechsel: Zwei Stunden zuvor, sechs Kilometer nördlich. Keine Fernsehkamera zeigte uns das Maß der Verwüstung. Payagala existiert nicht mehr. Wer ein Zelt hat, lebt noch erträglich im Vorort von Beruwala. Linton Dassa haust mit seiner sechsköpfigen Familie unter einer Plastikplane, gespannt über die Betonplatte, auf der einmal sein Haus stand.

Karl Eyerkaufer herzt die drei Monate alte Enkelin der Familie. Seine Helfer laden inzwischen das Nötigste vom LKW. Linton bekommt einen Gaskocher und einen Schrank. Wir stehen in einem Berg von Schutt und ahnen etwas von der Gewalt der Welle. Hier steht nichts mehr, außer Palmen.

Hilfe wie jene für die Fischer von Maradana und für Linton Dassa unterscheiden die Initiative des Main-Kinzig-Kreises. Nur einheimische Ortskenner finden die Ärmsten unter den Armen und jene Menschen, die mit überschaubarem Aufwand wieder in eine Position gelangen, sich selbst und anderen zu helfen. Irsan Mohamed und seine vier Freunde machen es möglich. Sie kennen unter Tausenden Schicksalen die besonderen - und auch die besonderen Chancen.

Die Autofahrt nach Beruwala City wirkt wie absurdes Kino: Ein kapitales Schiff kopfüber in einem Garten 100 Meter hinter der Küste. Ein Haus, von dem nur noch das kleine Badezimmer steht. Heilige Kühe suchen zwischen zertrümmerten Möbeln nach Fressbarem.

„Wir können uns nicht bei Euch bedanken. Wir können nur zu unserem Gott für Euch beten. Für Euch und Eure Familien und dafür, dass Ihr gesund bleibt.“

Die Hilfe in Einzelfällen ist ein wesentliches Element der Beruwala-Aktion des Main-Kinzig-Kreises. „Wenn Hilfsprogramme anlaufen, geht es zumeist nur um Waisenhäuser, Kliniken und öffentliche Einrichtungen. Individuelle Schicksale kommen oft zu kurz“, weiß Landrat Eyerkaufer. Er will gegensteuern. Zehn weitere Fischerboote hat er in der Werft bereits bestellt. Ein Schneider bekommt Stoff und Nähmaschinen, damit er wieder anfangen kann. Und ein buddhistischer Mönch erhält eine der eigentlich auf der ganzen Insel ausverkauften Wasserpumpen, um seine kleine Gemeinde zu versorgen. Irsan hat eine besorgt, irgendwie.

Das Lachen der Schulkinder kehrt zurück
Das Lachen der Schulkinder kehrt zurück
   

Schulalltag für über 2000 Kinder ermöglicht

Im Schutt liegen Schulhefte und Übungsbücher. Das Papier aufgequollen, die Tinte zerlaufen. Dass hier einmal eine Schule stand, davon zeugt noch eine Wand mit zwei Schreibtafeln. Und die Sachen auf dem Boden zeugen davon, auf welch dramatische Weise sie verlassen wurde.

Die Diyalagoda Schule in Maggona, einem Stadtteil von Beruwala, ist inzwischen in ein Ausweichquartier umgezogen. Doch dort fehlt es an jeglicher Ausstattung. Ein typischer Fall für die Hilfe aus dem Main-Kinzig-Kreis.

Tische, Stühle, Schränke, Schultaschen, Stoff für Schulkleidung, Schuhe, einige Wasserfilter für sauberen Tee, eine Schreibmaschine. Nach dem Besuch von Landrat Eyerkaufer kehrt für die 426 Schülerinnen und Schüler in Maggona ein Stück Regelmäßigkeit zurück.

Die Schüler haben sich aufgestellt und singen zum Dank ein Lied. Beim Tee berichtet der Schulleiter: „In Sri Lanka werden die Schulsachen und Arbeiten nicht mit nach Hause genommen. Die Kinder haben mit ihrer Schule also auch viele persönliche Dinge verloren.“

Auch in der katholischen Bandarawatte Schule in Beruwala wird der Landrat von der gesamten Schulgemeinde erwartet. Trotz der nähe zum Strand stehen hier die Gebäude noch. Die offene Bauweise sorgte dafür, dass das Wasser regelrecht hindurchfloss . . . und dabei das gesamte Mobiliar mit sich riss. „Jetzt brauchen wir nur noch Türen, damit wir unsere neuen Möbel auch sichern können“, freut sich die stellvertretende Schulleiterin. Landrat Eyerkaufer gibt seinem srilankischen Assistenten Irsan einen kurzen Wink, und die Türen sind bestellt.

Nur wenige Autominuten entfernt liegt der Montessori Kindergarten. Lag er, wäre treffender, denn das Gebäude ist eine Ruine. Der neue Gruppenraum ist schon im Bau, da kommen die Plastikstühle und -tische gerade zur rechten Zeit. Und dass Eyerkaufer im Auftrag eines Sponsoren auch noch Stofftiere verteilt, macht den Tag für die Kleinen perfekt.

In der muslimischen Mädchenschule in Maradana streuen die Kinder zur Begrüßung Blumen. Alle 1.200 Schülerinnen haben sich versammelt, tragen Verse und Lieder vor. An den Fassaden der Schulhäuser ist noch deutlich zu erkennen, wo das Wasser stand. Auch hier überreicht der Landrat das Nötigste: Tische, Stühle, Tafeln, Wasserfilter, Unterrichtsmaterial und Schulkleidung.

„Für keine Schule haben wir mehr als umgerechnet 10.000 Euro ausgegeben. Mit weniger als 40.000 Euro haben wir rund 2.000 Kindern wieder Unterrichtsmöglichkeiten verschafft“, freut sich Landrat Eyerkaufer am Ende eines langen, fast 40 Grad heißen Tages. Diese Effizienz der Hilfe sei nur durch den direkten Draht zu einheimischen, ehrenamtlichen Organisatoren möglich.

14 Schulen stehen derzeit noch auf Irsan Mohameds Liste. Sie alle wird er bis zur Rückkehr des Landrats im August ausstatten. „Nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern nach individueller Bedarfslage“, weiß Eyerkaufer, der die entsprechenden Mittel bereits freigegeben hat.

Hunderte Kinder winken dem Landrat hinterher. Sie lachen mit strahlenden Augen. Der Weg hat sich gelohnt.