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Beruwala
Aktualisiert am: 15.08.2011
Wichtiges in Kürze

Gestiftet von den katholischen Kirchengemeinden Bruchköbels bedeutet das Fischerboot Lebensunterhalt für zwei Familien.                     .
Gestiftet von den katholischen Kirchengemeinden Bruchköbels bedeutet das Fischerboot Lebensunterhalt für zwei Familien. .
   

Zurück im verlorenen Paradies

Die Spenden aus dem Main-Kinzig-Kreis haben auf der Tropeninsel viel bewegt

Beruwala, Sri Lanka. Vater Tyronne Perera tröstet die Vergessenen. 52 Familien leben in Magonna – oder besser: sie hausen auf

dem Grund und Boden, der einmal Magonna war. Aus irgend einem Grund ist die internationale Hilfe an dem Dorf an der Westküste Sri Lankas völlig vorbeigezogen. Es sieht aus, als wäre die Tsunami-Welle gestern über den Ort gefegt: Trümmer, zerschellte Boote, verzweifelte Menschen, die unter Plastikplanen schlafen. Realität in Sri Lanka acht Monate nach der Katastrophe.

„Vielleicht liegt es daran, dass hier keine Straße vorbeiführt, auf der auch Fremde fahren“, vermutet Vater Perera. Der römisch-katholische Pfarrer versucht seine Gemeinde zumindest moralisch zu versorgen. Ab sofort hat er tatkräftige Unterstützung. „Wir werden hier etwas unternehmen“, verspricht Landrat a.D. Karl Eyerkaufer ohne Zögern.

Das typische Merkmal der Hilfe aus dem Main-Kinzig-Kreis für die Katastrophenregion Beruwala in Sri Lanka: Eyerkaufers örtlicher Organisator Irsan Mohamed spürt Notlagen auf, die internationale Hilfsprogramme nicht entdecken. Und so kam der ehemalige Landrat nicht nur mit einem Versprechen zu den Vergessenen nach Magonna. Der völlig mittellosen Fischerfamilie von P. Don Antony brachte Eyerkaufer ein Boot, gestiftet von den katholischen Kirchengemeinden aus Bruchköbel. Sie hatten dem Landrat a.D. wenige Wochen vor seiner Abreise den Erlös aus ihrem jährlichen Kirchenbasar gebracht, um in Sri Lanka zu helfen. „Schön, dass wir diesen Auftrag dort erfüllen konnten, wo die Not am schlimmsten ist“, zeigt sich Eyerkaufer zufrieden.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr sind wir auf Sri Lanka. Nach der ersten Reise im Februar, 40 Tage nach der Welle, nutzen wir nun die Sommerferien, um die Hilfe weiter voranzutreiben und für eine zweite Bestandstaufnahme. Wir kehren mit gemischten Gefühlen zurück: glücklich darüber, dass die Hilfe der Bürgerinnen und Bürger des Main-Kinzig-Kreises noch immer absolut gezielt ankommt. Zugleich aber entsetzt über den insgesamt quälend langsamen Wiederaufbau. „Die Not vieler Menschen ist noch genauso bedrückend wie bei meinem Besuch im Februar. Vielerorts herrscht noch bedrohliches Elend“, berichtet Karl Eyerkaufer. Dass die Touristen aus dem Westen offenbar nicht zurückkehren, macht die Sache nicht leichter.

Unten am Strand wuchten zwei Fischer einen zweieinhalb Meter langen Hai an Land. Ihr Boot trägt das Logo der BHF-Bank, genau wie neun andere in der kleinen Bucht zwischen Magonna und dem ebenfalls völlig zerstörten Payagala. Die BHF-Bank hatte für Karl Eyerkaufers Projekte insgesamt 30.000 Euro zur Verfügung gestellt . . . macht zehn Boote inklusive Netze und Motoren. Eines davon betreiben ein Katholik und ein Moslem gemeinsam. Sie rufen mich zu sich und verlangen, ihren Gruß genau mitzuschreiben: „Wir beten zwar unterschiedlich, aber wir beten für die gleichen Menschen. Für jene, die uns so sehr geholfen haben.“

Umgerechnet 3.814 Euro hat das neue Haus für 87 Kinder gekostet.
Umgerechnet 3.814 Euro hat das neue Haus für 87 Kinder gekostet.
   

Der Main-Kinzig-Kindergarten

So philosophisch geht es in Beruwalas verwüstetem Stadtteil Maradana an diesem Tag nicht zu. Hier herrscht Volksfeststimmung, als sich unser Auto nähert. Schon von weitem leuchtet das kleine, neue Gebäude in lila und grün. Ein heiteres und lautstarkes Gewimmel empfängt den Landrat a.D., den sie hier noch immer „District Minister“ nennen. Am Giebel des Hauses

steht es, nicht zu überlesen: „Main-Kinzig-Kindergarten“. Heute ist Eröffnung. Der Bürgermeister ist gekommen, die Eltern und Erzieherinnen und so ziemlich alles, was im Ort Rang und Namen hat.

Sie tanzen und singen für uns. 87 kleine Kinder finden hier Raum zum Spielen und Lernen – gebaut ausschließlich mit den Spendenmitteln aus dem Main-Kinzig-Kreis von Irsan und seinen Freunden. Liebevoll ausgestattet und möbliert ist der Gruppenraum. Wir haben noch keinen schöneren Kindergarten in Sri Lanka gesehen. Kostenpunkt: Umgerechnet exakt 3.814 Euro. „Viel Hilfe für relativ wenig Geld“, freut sich Karl Eyerkaufer.

Mit überschaubaren Mitteln viel bewegen. Das war von Anfang an das Kennzeichen der Hilfsinitiative. Möglich nur durch die guten Kontakte der Familie Eyerkaufer vor Ort und dem nimmermüden Irsan mit seinen Freunden. 17 Schulen sind inzwischen neu ausgestattet. Einige davon stehen auf unserem Besuchsprogramm. Das momentan größte Schulprojekt liegt nur einen Steinwurf vom neuen Kindergarten entfernt und trägt ebenfalls den Namen des größten hessischen Landkreises: Das „Main-Kinzig-Building“ an der muslimischen Schule im Stadtteil Chinafort. Karl Eyerkaufer steht beeindruckt vor den bereits ausgehobenen Fundamenten. Ein zweistöckiges Gebäude soll hier Platz für acht Klassenräume bieten. Ein komplettes Schulgebäude für umgerechnet 33.000 Euro. „Für diese Preise hätte ich zu Hause auch gerne Schulen gebaut“, lächelt der ehemalige Kreischef.

Wer sich in Beruwala auskennt weiß: Chinafort liegt hinter einer Anhöhe und war nicht vom Tsunami betroffen. Bitternötig ist die Hilfe trotzdem. Die Schule nahm nach der Katastrophe fast 1.000 zusätzliche Kinder von der Küste auf und platzt nun aus allen Nähten. „Das verstehe ich unter intelligenter Hilfe. Nicht planlos bauen, wo es am schlimmsten aussieht, sondern das Machbare tun, wo es Vielen hilft“, freut sich Eyerkaufer über den Vorschlag seines Freundes Irsan.

Gleiches gilt für die vier Schulen in der Nachbarstadt Kalutara, die neu im Programm sind und Ausstattung im Wert von rund 6.000 Euro erhalten haben. Eine davon ist die römisch-katholische Schule. Die Flut hat sie an ihrem ursprünglichen Standort völlig zerstört. Am neuen, sicheren Standort beobachten wir, wie neun Klassen gleichzeitig in einem großen Raum unterrichtet werden. 909 Schülerinnen und Schüler lernen hier. „426 davon sind Tsunami-Opfer aus den Küstengebieten“, berichtet Schulleiter Cooray beim Begrüßungstee. Mit Spenden aus dem Main-Kinzig-Kreis wurde an der Schule das Gebäude renoviert und eine Wasserversorgung aufgebaut.

Viele Tsunami-Opfer werden in der neuen Schule unterrichtet.
Viele Tsunami-Opfer werden in der neuen Schule unterrichtet.
   

Netzwerk der Hilfe

Irsan erzählt von einem regelrechten Netzwerk der Hilfe, das inzwischen aus den Projekten des Kreises entstanden ist. Arbeitslos gewordene Fischer helfen beim Schulbau und erhalten dafür Netze, um wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Nach einem Glas Tee mit ein paar der kleinen, aromatischen

Bananen sitzen wir wieder im geliehenen Kleinbus auf dem Weg zurück an den Strand von Maradana. Hier leben viele Menschen noch immer in den grauen Zelten, bedruckt mit dem Schriftzug der Vereinten Nationen. Für diese Leute ist das Apartmenthaus gedacht, das weithin sichtbar in die Höhe wächst. Zwölf der insgesamt 51 kleinen Wohnungen haben die Spender aus dem Main-Kinzig-Kreis finanziert. Im Oktober ziehen die Bewohner ein.

„Wollte ich euch alle individuellen Hilfen zeigen, die wir geleistet haben, bräuchten wir mehrere Wochen“, sagt Irsan nicht ohne Stolz. Einige wollen wir dennoch sehen. Und so lernen wir in Payagala den zahnlosen Singhalesen in seiner winzigen Fahrradwerkstatt kennen, der dank neuem Werkzeug wieder einsatzfähig ist. Er ist typisch für die inzwischen über 50 kleinen Handwerker, die dank überschaubarer Spendenbeträge aus dem Main-Kinzig-Kreis wieder am Start sind.

Es ist heiß. 35 Grad sind in der tropischen Regenzeit kein Vergnügen, wenn die drückende Schwüle über den Trümmern der zerstörten Dörfer hängt. Wir gehen barfuß am Strand von Beruwala entlang und sind dort noch immer so allein wie im Februar. Das Bild hat sich seit Februar kaum verändert. In den Gärten der völlig zerstörten Hotels liegen noch immer zerstreute Kleidungsstücke. An einem Haus wird gebaut. Ein anderes ist teilweise wieder eröffnet. Und im einzigen unversehrten Hotel dieses Strandes, dem komfortablen Lanka Princess mit seinen 350 Angestellten, wohnen gerade einmal 40 Gäste. Die Touristen kommen nur langsam wieder, viel zu langsam.

Gemeinden für Gemeinden

In der Mittagshitze erreichen wir den neuen Abwasserkanal. Für Landrat a.D. Karl Eyerkaufer heißt es hier einmal wieder: Gedenkstein enthüllen, für Fotos posieren, Hände schütteln. Zwei Kilometer weit führt die Rinne ins Inland und sorgt für erträgliche hygienische Zustände. Natürlich hatte die Welle des 26. Dezember das ohnehin nicht gerade fortschrittliche Abwassersystem völlig vernichtet.

Der bescheidene und doch sehr wirksame Kanalbau ist Teil der kommunalen Hilfe aus dem Main-Kinzig-Kreis. Neben Privatleuten, Vereinen und Unternehmen hatten auch Städte und Gemeinden des Kreises Geld für Beruwala zur Verfügung gestellt. „Davon fördern wir ausschließlich kommunale Infrastrukturprojekte“, betont Eyerkaufer. Bereits vor einigen Wochen hatte Eyerkaufer aus diesen Mitteln den Kauf von zwei Traktoren für Aufräum- und Planierarbeiten freigegeben. Die Erneuerung des Kanals hat umgerechnet 7.880 Euro gekostet – eine Investition in die Gesundheit mehrerer tausend Menschen.

Normal ist hier noch nichts

Die Galle Road führt von Colombo bis an die Südspitze der Insel. Es ist die Küstenstraße, entlang der sich eine Stadt nahtlos an die andere reiht. Mancherorts sind Trümmer weggeräumt. Ab und zu entdecken wir ganze Siedlungen aus provisorischen Holzhäusern. Vereinzelt, wie helle Flecken eingestreut, sind neue Häuser zu erkennen. Produkte einer manchmal wahllos wirkenden Hilfe aus den reichen Teilen der Welt. Aber normal ist an der Galle Road noch gar nichts. Überall Ruinen, Schutt und Verzweiflung.

Bei allem, was in der Zwischenzeit auf der Erde geschehen ist: Die Flut des 26. Dezember 2004 bleibt, gemessen an der Zahl der Opfer und der Großflächigkeit der Zerstörung, die schlimmste Naturkatastrophe der Neuzeit. Knapp 40.000 Menschen starben allein auf Sri Lanka.

Karl Eyerkaufer denkt laut vor sich hin. „Ich wusste ja, dass es langsam gehen würde“, murmelt er. In diesen Worten klingt etwas ganz anderes mit: Wir sind enttäuscht vom Tempo des Wiederaufbaus und beginnen, die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber ihren Behörden und der internationalen Bürokratie zu verstehen. „So bedrückend das ist, so sehr bestätigt es unseren Weg der gezielten und persönlich organisierten Hilfe“, diktiert Eyerkaufer einem Reporter in den Block. Den Main-Kinzig-Kreis kennt an der Westküste Sri Lankas inzwischen fast jedes Kind.

Das tropische Paradies verabschiedet uns mit einem unvergesslichen Sonnenuntergang. Auf dem Weg zum Flughafen erinnern wir uns an einen kleinen Abzweig. Hier geht es zu Vater Perera und seinen Vergessenen. Wenn wir wieder kommen, wird der Tsunami ein Jahr vergangen sein. Wir sind gespannt, wie lange wir ihnen noch helfen können.

Uwe Amrhein