MAIN-KINZIG-KREIS. Bereits am ersten Arbeitstag belagerte ein Fernsehteam das Büro, um den "Regierungswechsel" im Landratsamt zu dokumentieren. Am 1. Februar 1987 zog Marita Becker als Sekretärin des frisch gewählten Landrates Karl Eyerkaufer in ihr Büro an der Eugen-Kaiser-Straße um. Nach insgesamt 32 Jahren in der Kreisverwaltung freut sich die 60-Jährige jetzt auf ihren Ruhestand. Bereits am Montag, 22. Dezember, wird ihre Nachfolgerin im Vorzimmer des Landrates Platz nehmen. Marita Becker will dann ihre "neue große Freiheit" genießen, Freunde besuchen und mehr an sich denken, wie sie sagt. "Die Arbeit hat mir Spaß gemacht", betont die Hanauerin. Auch wenn es ihr nicht leicht fiel, den Druck nach Feierabend hinter sich zu lassen. Denn die Arbeit im Vorzimmer eines Landrates vom Schlage Eyerkaufer hat mit einem normalen Sekretariatsjob wenig gemein. Nach außen strahlt sie stets Ruhe und Gelassenheit aus. Ein Kreisbeigeordneter nannte sie schon einmal "den Fels in der Brandung" als die politischen Wellen wieder durch den ersten Stock des Landratsamtes peitschten. Und wenn zwischen Tagesordnung, Terminen und Telefon kurzzeitig alles durcheinander ging, flüchtete sich Marita Becker zumeist in Galgenhumor. Schließlich ist es nicht nur ein rastloser Landrat und sein sich ständig verändernder Terminkalender der die Sekretärin in Atem hält. „Im Laufe der Jahre sind mir hier eine Reihe merkwürdiger Kandidaten begegnet“, erzählt sie. Immer wieder musste sie Anfragen vom Landrat fernhalten und hat dabei selten Komplimente erhalten. "Gewitterziege" war noch eine der freundlicheren Vokabeln. Ein anderer Besucher wollte sich beschweren, dass "auf dem Mond die Parkplätze zu eng sind" und brachte alle sechs Wochen eine Dose Penatencreme für die Kinder des Landrates vorbei. Gern erinnert sich Marita Becker an eine Braut mit weißem Kleid und roter Rose, die einem Mitarbeiter des Landrates das Ja-Wort entlocken wollte. Kurzerhand stellte Marita Becker das Büro zur Verfügung und ließ den Auserwählten erscheinen. Bereits nach wenigen Minuten war die Hochzeit geplant. Auch privat hatte Marita Becker so manche Aufgabe zu bewältigen. Nach knapp sieben Jahren Ehe kehrte sie aus Frankfurt mit ihren beiden Söhnen zurück in ihr Elterhaus an der Corniceliusstraße in Hanau. Dennoch begann sie 1971 ganztägig in der Schulabteilung des Landkreises Hanau zu arbeiten. Ihre Qualifikation war eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Dunlop.Als der künftige Landrat Eyerkaufer ihr 1987 die Stelle im Vorzimmer anbot, waren die Kinder bereits erwachsen. "Sonst hätte ich das nicht machen können", betont sie. Nach einigen Tagen Bedenkzeit sagte sie zu. Der neue Chef war ihr nur als der Kreistagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende bekannt. "Der weiß Sie zu beschäftigen", warnte aber bereits eine erfahrene Kollegin. Es folgte eine harte Schule. Nicht nur für die Sekretärin, auch für den neuen Landrat. "Er wird sich nicht nach mir richten", wusste Marita Becker und schon bald hatte sie sich auf die neue Arbeitssituation eingestellt. "Wer bei Ihnen anklopfte, fand immer ein offenes Ohr und wusste seinen Vorgang in guten Händen", sagte Eyerkaufer anlässlich der Verabschiedung. Schnell freundete sie sich auch mit dem Computer in ihrem Büro an. Gelernt hat sie den Umgang mit der modernen Technologie von Claus Kaminsky, dem heutigen Oberbürgermeister der Stadt Hanau, damals hauptamtlicher Ausbilder in der Kreisverwaltung.Als zuverlässig, ehrlich und sehr verständnisvoll wird sie von ihrer Umgebung wahrgenommen. Landrat Eyerkaufer lobte das große Verantwortungsbewusstsein seiner langjährigen Mitarbeiterin. Stets habe sie die Ruhe bewahrt und sich durch besondere Freundlichkeit ausgezeichnet. Das bestätigten am Freitag zahlreiche Kolleginnen und Kollegen sowie ehemalige Beschäftigte mit zahlreichen Glückwünschen und einem langen Applaus. |